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…einfach mal Geld abheben

Sansibar ist fast wie eine Weltreise vor 100 Jahren. Ich lasse das Meeresrauschen vor meiner Strandhütte den Tinitus verprügeln und ergebe mich den Gegebenheiten. Davon gibt es sehr wenig, in jeder Beziehung. Seit drei Tagen bin ich komplett offline, der Wind genauso. Die Zeit will genutzt werden. Ich miete einen Roller.

Die Ausgabe nebst dank Bestechung blanko vorbereiteter lokaler Fahrerlaubnis vollstreckt sich in der Geschwindigkeit eines von der Nasenspitze fallenden Schweröl-Schweißtropfens. Nach zweieinhalb Stunden breche ich auf. Der Arsch der Welt befindet sich gerade mal 15 km hinter Paje. Tiefstes zentralafrikanisches Hinterbuschland.

Genau hier verreckt der Motor von Roller eins. Vermutlich an Poison Petrol, einer lokalen Spezialität, kredenzt aus Plastikflaschen: mit Wasser gestrecktes Benzin. Jeder Cent zählt am Arsch der Welt. Ich schicke die Brieftaube aus dem Gepäckdepartement zurück zum Verleiher. Nach gut einer Stunde ist er da. Automatikroller mit einem Fuss vom anderen Roller aus schieben geht recht mistig, daher halten wir einen Bierlaster an und laden den Roller auf. Der nächste Roller läuft zuverlässig. High noon. Die Sonne brennt hoch, kurz über dem Äquator. Kippen brauche ich heute keine mehr kaufen. Schon nach einer Stunde hab ich trotz LSF50 Rothändle.

Der Weg führt ins verlassene Südsansibar. Die Besitzer der spärlichen touristischen Infrastruktur haben allesamt eine extreme Neigung. Du fährst über irgendeine Staubpiste 10 km in den Busch, und auf einmal steht da ein Resort im Nirgendwo. Der Arsch der Welt ist hier eigentlich wirklich überall, und er ist wie zu erwarten mit Ausnahme weniger Durchfälle von Natur aus ein sehr ruhiger Ort. Aber das reicht den Bauherren nicht. Sie bauen hinter dem Arsch der Welt, denn nur so kann man den schlechten Service und einfaches Essen wegen gesteigerten Anlieferungskosten zu unverschämt hohen Preisen verkaufen. Südsansibar ist wirklich der langweiligste und erbärmlichste Landstrich der Welt, direkt hinter der Brasilianischen Pampa von Ceará.

Ich brauche Geld. Bankomaten gibt es nur in der gut 80 km von Paje entfernten Hauptstadt Stonetown. Bei 35 Grad quäle ich mich durch die Rushour über endlose staubige Baustellen durch den Auspuff-Russ uralter Laster, über stinkende Märkte und die endlosen traurigen Vorstadt-Geschwüre Stonetowns, bis ich nach gut drei Stunden Fahrt endlich an den ersten Banken ankomme. Bank eins frisst meine Karte und rückt sie erst mal einige Zeit nicht raus. Bank zwei ist kaputt, aber der freundliche Soldat mit der AK-47 weist mir den Weg zur Bank drei. Bank drei ist leer, gönnt mir jedoch bis zur Meldung zumindest angenehme zehn Minuten in einem 50 Grad heissen Glasvorbau. Ich schreie. Bank vier kennt keiner, Bank fünf am Flughafen hat niemandem jemals wirklich Geld gegeben.

Auf dem Weg zu Bank sechs im extrem verwinkelten Zentrum Stonetowns beschert mit eines der zahlreichen Schlaglöcher in einem der zwei- bis dreieinhalb-spurigen Kreisverkehre einen Platten. Zum Glück stelle ich das direkt vor einem Reifenshop fest. Mein Held flickt den Hinterreifen binnen kürzester Zeit für 90 Cent und freut sich wie Gargamel über einen Schlumpf am Spieß, als ich ihm fünf Dollar hinhalte.

Die Barclays Bank im Zentrum rückt nach dreimaligem Verfahren zumindest 400 Euro raus, in fünf Schüben zu jeweils fünf Dollar Gebühren. Ich bin begeistert, denn das bedeutet dass ich für meine restlichen drei Wochen auf Sansibar nur noch einmal 160 km Staub fressen darf, statt dem Roller mit touristischen Zielen auf den Wecker zu gehen. Nach acht Stunden on the road falle ich abends fix und alle ins Bett, schlafe ein und wache kurz darauf vom Gesang des Bettwanzenchors im nächsten Stromausfall eines Gewitters auf: „Don’t hesitate, don’t deliberate – it could always be worse.“

Also verzweifle ich nicht. Und es wird schlimmer. Am nächsten Tag begleitet mich ein Wolkenbruch über 160 km nach Stonetown und zurück. Ab 20 cm Wassertiefe wird der Roller zum Jetski, ab 30km/h bist du Ghost Rider. Eineinhalb Stunden Schlammfontänen feindlicher Laster später rückt mir die zweite Bank endlich genug Geld für den Rest meiner Tage auf Sansibar raus. Regenschutz für Rücksack und mich waren absolut wertlos. Alles ist platschnass, auch das Geld.

Das Gewitter gestern sorgt für den Ausfall von fließend Wasser und Strom heute, Internet bleibt weiter komplett und überall offline. Am Abend geht die Dusche wieder, zumindest bis in Kniehöhe, mit 10 ml/s. Reisen macht gerade überhaupt keinen Spaß. Das einzig gute ist das Grinsen über die Geschichten, die dabei rauskommen. Aber das kann mich auch mal.



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3 Kommentare zu “ …einfach mal Geld abheben ”

Super Erlebnisse, Frank. Weiter so! Da kannst du was erzählen. Abenteuerurlaub macht jeder, Aber man gönnt sich sonst nichts. Hast du wenigstens Wind?

Kommentar von Peter am 29.1.2016

Jaja, so ein Sansibar Urlaub hat es in sich. Wir haben heiße Dusche, Zimmer ohne Wanzen, WIND und zwar heftig…… keine Chance abzuhauen?

Kommentar von Carin am 29.1.2016

Da können kleine Dinge wie „Geld abheben“ schon zum Abenteuer werden. ;-)

Ich musste mich auf Mauritius auch schon mit dem Boot zur nächsten Stadt bringen lassen und dann durch gefühlt 100 verwinkelte Gassen den nächsten Automaten der HSBC ausfindig machen.

TIPP von ff-webdesigner: Google mal nach dem Term MoneyKeyword in Zusammenhang mit Blogspam.

Kommentar von Tobias am 6.9.2016

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