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Canoa Quebrada

Nur eine Tagesreise entfernt vom paradiesischen Galinhos liegt Canoa Quebrada in einer ganz anderen Welt. Schnelles Internet, grosse Supermärkte, Hotels und Restaurants ohne Ende. Den Weg zu den Brallermännern am Strand weist ein langer Beach-Buggy-Stau voller dicker Menschen. Ich fühl mich sofort wie Tarzan in New York und flüchte mich erst mal auf den ruhigen Friedhof in den Sanddünen.

In der Mittagshitze spaziere ich über den leeren Broadway. Bar an Kneipe an Disco an Bar. Die Frequenz flüstert leise von der Ruhe vor dem wochenendlichen Sturm von tausenden Heuschrecken aus der nahen Millionenstadt Fortalezza. Reisen bedeutet Wechsel. In Galinhos trug mir der Apotheker mein vergessenes Handy hinterher. Hier warnt mich ausnahmslos jeder vor Raub, Diebstahl und vergessenem Ohropax.

Zum Kiten taugt der Strand hier nicht besonders. Wie so häufig in Brasilien existiert er nur bei Ebbe, und auch dann ist er recht gut belegt. Mit einem Beach Buggy voller Schweizern geht’s 10 km zur nächsten Flussmündung nach Nordosten. Das Wasser dort ist auch bei Flut oft nur 5 cm tief. Ich hab Angst um meine Finnen und verkrümel mich 2 km weit raus in die Wellen auf’s offene Meer – und semmel meinen Kite gleich in die dritte. Invertierte Leinen erfordern eine Selbstrettung, 20 Minuten schwimmen durch einen guten Meter Brandung und dann fast eine Stunde Salat ordnen auf einer Sandbank. Nicht mein Tag.

Freitag Abend wird nicht besser. Das Hostel bleibt vollkommen leer, der Sturm bleibt aus. Meine Stimmung nähert sich dem Siedepunkt von flüssigem Stickstoff. Nach zwei Litern Cola und jeder Menge Mittagsschlaf falle ich ins Bett, lange bevor die Nacht loslegt. Irgendjemand hat die Klimaanlage angedreht. Mir ist kalt. Am Samstag bricht offensichtlich der Winterschlaf durch, jeden Tag 14 Stunden, und trotzdem bin ich den ganzen Tag im zu schwachen Wind permanent müde.

Mein Hostel liegt mitten in der Stadt. Von der Terrasse im ersten Stock aus überblicke ich jeden Abend das gleiche Schauspiel auf dem Broadway. Verkäufer, die nichts verkaufen. Drücker, die gelangweilte Gesichter ziehen. Künstler die nichts können. Und ich? Der Dude und Hank Chinaski würden sich sicher tierisch aufregen, wenn ich postuliere, dass es zahlreiche gute Gründe zu trinken gibt. Sie würden eine Flasche über meinem Kopf brechen und lauthals schreien: “Kein Grund ist gut! Es braucht keinen!” – aber sie sind zum Glück nicht hier. Ich blicke in eine leere Flasche Chilenischen Wein, welcher hier mehr kostet als zwei fünfgängige brasilianische Abendessen. Das ist deutlich mehr als Liebhaberei.



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