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Toronto, Skyscraper Village

Der Greyhound nach Toronto war bis zuletzt voll besetzt. An Schlaf hab ich zwei Stunden gedacht, weiß nicht, wie intensiv. Um 10 fix und alle angekommen, ab in die Subway, Suhails Unterkunft suchen. Mit 45 kg sind auch nur 2km ne Tortur. Wieder mal platschnass ankommen. Suhail heißt mich willkommen. Bei ihm ist alles orange, wies bei mir blau war. Er ist Webdesigner, hat auch Architektur studiert. Und räuspert sich nach Käsekonsum. Kurz duschen, mailen. Und wieder raus auf die Strasse.

Torontos Center ist winzig, die Hochhäuser sind gerade mal auf drei mal vier Kilometer begrenzt. Rundrum nur kleine viktorianische Bauten. Wirkt wie Skyscraper Village. Irgendwann dachten sich in einem eng begrenzten Zeitraum ein paar Architekten: lasst uns essen gehen! Sie gingen zusammen Bohnen essen. Dann entschlossen sie sich, den Arsch zusammenzupressen, solange bis einer nicht mehr kann. Erst dann sollten alle dürfen. Genau so ist Toronto. Ein riesen Haufen Skyscraper in der Mitte. Konzentriert, hoch und glänzend in der Sonne. Und drumherum gemütliche viktorianische Soße.

Das Stadtzentrum ist so sauber, dass ich mich bei meinem ersten Mahl auf Kanadischem Boden nicht trau, mich auf den Boden zu setzen. Hätte ihn mit meiner Hose beschmutzt. Suchte mir eine Balustrade aus rotem Marmor. Glänzte aber leider in der Sonne so sehr, dass ich mich geblendet daneben gesetzt hab. Ich hüpf auf allen Wegen einen Schritt vorwärts, gefolgt von Ausfallschritten nach links und rechts. Soviel freier Platz muss irgendwie genutzt werden.

Ich kann nicht heim, muss weiter, Suhail meinte: Surfen? Ashbridges Bay Park. Rein in die Subway (voll verwirrt von den ganzen 4 Linien), rüber in die Tram, raus über die Queens Road gen Osten. Die kleinen viktorianischen Häuser wirken wie Entenhausen, sehr einschläfernd. Jede dritte Station mach ich Sekundenschlaf. Dann zu Fuß weiter 1 km an den Strand. Kurze Lagepeilung, wunderschön. Hab Angst mit Pass einzuschlafen, und ohne aufzuwachen. Heim. Gegen 6 mal kurz hinlegen zum schlafen.

Um 9 am nächsten Morgen wach ich auf. War nötig. Suhail macht Jordanisches Frühstück. Guter schwarzer Tee und Pitta mit soviel Oregano, dass die Zunge taub wird. Geil. Suhail ist Gay, genau wie die ganze Gegend. Friseure, Zahnärzte, Floristen, Supermärkte, und sowieso alle Wohnungen haben Regenbogenflaggen. Proud to be pride, dazwischen schweinische Beef-Ball-Plakate mit dem Schwulen-Konterfei schlechthin. Am Samstag ist Parade hier, mitten im Gay Village. Und großer Protest. Der Town Councellor vögelt gerade einen der Immobilienhaie, was den Fortbestand von Gay Village massiv bedroht.

Ich fahr zu Irmgard, meiner Großtante. Ich bin auf Weltreise. Sie berichtet mir den ganzen Tag davon, wie stolz sie darauf ist, wo sie schon überall war. Und sie war an vielen Orten. Ich hoffe, mir wird mehr als Stolz bleiben. Wir gehen aus zum Lunch, direkt gefolgt von Eis und Cafe, gefolgt von Strand, diesmal mit Kiteboard. Der Wind bläst 90 Grad Offshore. Da ich kein Lust hab, meinen Kite im Notfall aus Alaska zu retten, belasse ich’s bei Volleyball-zuschauen und ein paar Mädels Kite-Tips zu geben. Wieder heim.

Am Abend lad ich Suhail zum Essen ein. Das Viertel brodelt, einen Tag vor dem Pride Weekend. Für 2 Burger mit Pommes, nen Salat und 2 Pitcher Bier zahl ich 90$. Ich glaub, ich sollte weniger bloggen und mehr arbeiten…

Am nächsten Tag gings gleich wieder in die Stadt, Ticket nach Buffalo / Niagara Falls kaufen. Ein bisschen stromern. Das ganze Zentrum von Toronto ist unterirdisch verbunden, der reinste Einkaufsbunkerkomplex. Am Nachmittag schau ich nochmal an den Strand. Wieder 20kg umsonst 2 km getragen. Wind 3-5 Beaufort, sehr böig, aber gut. Doch leider wieder voll Offshore. Da ich in Amerika erst morgen ankommen will, das Rettungsboot nicht motorisiert ist und ich der einzige Kiter wär spar ich’s mir. Volleyball. Zurück zu Suhail. Führt Mädel-Gespräche mit nem Freund. Mädelgespräche? Hört sich jedenfalls gut und wichtig an, Gefühle und so. Heten-Männer tun sowas halt ganz selten.

Das ganze Gay Village ist abgeriegelt für die Party. Überall Boombässe, und ich bin die einzige Hete weit und breit. Schaut aus wie Mardi Gras, nur ohne Nupsis. Meine letzten kanadischen Dollar investier ich in einem 300-Biersorten Liquorstore. Beeindruckend. In Ontario darf man nicht auf der Strasse trinken, und Alk gibt’s nur in diesen Stores. In den Kneipen isses deswegen recht teuer (ab 5$ die Halbe). Hängt man nur den Arm mit dem Bier über den Zaun raus, gibt’s gleich nen Anschiss. Gleichzeitig verkündete der Police Chief von Toronto vor 2 Jahren: „Kiffen in der Öffentlichkeit? We won’t care.“ Da am gleichen Wochenende auch die Gay Marriage in Ontario legalisiert wurde, gabs sozusagen Freiheit im Doppelpack. Die Amis sollen eingefallen sein wie die Heuschrecken.
Bekifft heiraten. Und am Sonntag brav in die Kirche :-)



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