Seattle in der Nacht

2007
2007
Fr
23:21
Tag
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Megan musste leider auf eine Geburtstagsfeier, deswegen wechsle ich nochmal meine Adresse in Seattle. Ein neues Angebot habe ich schon, Schlüssel liegt neben der Tür. Nur wo hat sie vergessen zu erwähnen. Erst nach einer Stunde War-Walking in der Stadt erhalte ich die neue Adresse per Mail. Ich mach mich bergab auf den Weg zum Bus, in ständiger Angst von meinem Trolly überrollt zu werden.

Leider ist in West Seattle grade niemand da. Ich versteck mein Zeug im Garten und ziehe zum nächsten Park ans Meer. Über die Berge vor Seattle ziehen wieder beeindruckende Wolken ins Landesinnere. Am Strand liegt eine tote Qualle mit einem Durchmesser von fast einem halben Meter. Davor schwimmen Baumstämme im Wasser. Der Seetang wächst dicht. Will ich hier wirklich Kitesurfen? Anyway, mein Windfluch hält für den gesamten Rest meines Aufenthalts in Seattle an.

Ich strolle einige Stunden durch den Lincoln Park und zieh dann nochmal zu Klaires Haus.
Die kommt 10 Minuten nach mir an. Ich geh einkaufen und koch am Abend mal wieder was. Wieder ein Grinsen, mein Karma kommt wieder etwas mehr in die Mitte. Am Abend schlägt Klaire eine Party vor. Wir holen einen Freund von ihr ab und fahren nach Ost-Seattle.

An einem Highway steht auf einem Parkplatz ein großes Zelt. Davor Mustang-Wracks und Motorbikes. Die Party ist nicht öffentlich und nicht privat. Irgendwas dazwischen. Polizei könnte kommen, wird mir gesagt. Drinnen muss ich als erstes unterschreiben dass ich a) meinen Alkohol selber mitgebracht hab und deswegen b) selbst dran schuld bin, sollte mich deswegen heute der Schlag treffen. Weird.

Im Fernsehen laufen amerikanisch Trash-Filme aus den 60ern, thematisch anzusiedeln zwischen „Schulmädchenreport“, „Cheech und Chong“ und „American Psycho“. An den Wänden hängen Bilder im Härtegrad Hustler plus. Ein Oldtimer aus den 30ern steht neben dem Eingang, Crossbikes neben dem Billardtisch und etwas, das aussieht wie Batmobil auf zwei Rädern neben der Bar. Alkohol ist reichlich vorhanden und wird genutzt.

Ständig kommen neue Leute, von überall aus dem Land, bunt gemischter Haufen. Viele haben deutsche Vorfahren oder wissen zumindest sehr viel über Europa, was mich sehr erstaunt. Je betrunkener wir werden, desto mehr wissen sie. Geschockt bin ich nur von einem Rocker, der „Who the fuck is alice“ spielt. Der Rest ist schöner dreckiger Sound aus der zweiten Schublade von unten. Oder Dudelsack mir 3 Promille, auch unterhaltsam. Passt einiges rein. Gegen eins fahren wir heim.

Der Schädel am nächsten Morgen ist beachtlich. Beim ersten Weg des Tages hau ich ihn mir noch an einem Deckenbalken an. Jetzt ist er wirklich beeindruckend. Klaire ist schon in der Arbeit. Es regnet. Ich fahr in die Stadt und genieße erst mal ein köstliches Shishkwarma am Pike Place Market. Danach reite ich den Downtownbus fast zu Tode (selbiger dabei beinahe einen Radfahrer) und ziehe zu Underground Tours.

Seattle war Ende des letzten Jahrhunderts auf reinstem Gezeiten-Sumpf gebaut. Gekackt wurde über Jahre nach den Gezeiten: bei geflutetem Abfluss gab’s „Down“town bis zu 6 Fuß hohe Gülle-Fontänen von den oberen Hügeln. Also wurde alles bis zu 10m aufgeschüttet. Die Underground Tour geht durch die alten Erdgeschosse und heutigen Keller, das alte Rotlichviertel und unter den heutigen Sidewalks.

Moskitos haben meine Achillessehne gefunden. Nur Rechts. Ein Stich über dem anderen, seit zwei Wochen. Dann immer laufen. Jetzt schaut das Ding gerade aus wie ein Maya-Stufenpyramide an einem hohen Feiertag. Sehr blutig. Beim jedem Auftreten denk ich mir trotz Bandage, dass ich Hauptdarsteller in einem äußerst skurrilen Alldays-Spot werden sollte.

Am späteren Abend kommt mein Karma wieder aus dem Gleichgewicht. Klaire hat neue Gäste und kocht genial frischen Thunfisch auf. Leider sind die neuen Vegetarier. Ich ess drei Portionen. Ab elf bin ich nur noch als schlafende Couchdekoration zu gebrauchen.

Thanks for the stay, Klaire!

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2 Kommentare

  • Peter schreibt am Samstag, 21.7.2007 um 23:45 Uhr:

    hallo, frank, geh mal in Seattle in das Goldgräbermuseum- echt gut. Weiterhin viel fun und hübsche hosts, Peter

  • Christina Storm schreibt am Donnerstag, 24.9.2009 um 5:20 Uhr:

    Herrgottnochmal, ich hab so gelacht über die Beschreibung der Seattle Underground Tour. Ist doch genial, oder? Die Vorstellung der Klospülfontänen? Die hatten da auch mal erzählt, dass die Strassen mit der Zeit so doll aufgeschüttet wurden, dass man mit einer LEITER auf die Strasse hochklettern musste, um sie zu überqueren, und auf der anderen Seite wieder runter mit der Leiter auf den Bürgersteig. Und dass mal ein Pferd mitsamt Karosse da in sowas runtergestürzt ist.
    Viele Grüsse aus Seattle,
    Christina
    http://www.christinastorm.com

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