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Running on empty

Bisher gab’s ganz wunderbare Zeichen. Immer wieder sagte mir die Musik im Radio, dass ich genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bin. Letztes Beispiel hierfür war gestern: Ich fahre mit Jeff an den höchsten Abgründen der Badlands entlang. Musik im Radio: Aerosmith, Living on the Edge. Heute kam zum ersten mal nicht die passende Musik.

Ich breche nach einem kurzen Abschied von Renee und Jeff auf. 50 Meilen hinter Rapid City denke ich mir: Hm, die Straße ist ganz schön holprig. Aber sieht gleichzeitig sehr eben aus. Nach einer Meile halte ich an: Der rechte Hinterreifen ist platt. Im Radio lief nicht Jackson Brown, Running on empty. Sonst hätte ich’s früher geschnallt. Ich wechsle zum Notrad.

Der erste Reifenhändler hat keine Goodyear. Der zweite 20 Meilen weiter hat Goodyear, aber nicht den passenden. Und auch der Großhändler 50 Meilen weiter hat nicht den passenden. Ich rufe National Car an. Sie organisieren ein Austauschauto in Rapid City. Wieder zurück. Es ist schon kurz vor zwei Uhr, und ich hab noch über 500 Meilen bis Bozeman vor mir. Auf dem Parkplatz des Flughafen Rapid City drücke ich auf meinen neuen Schlüssel. Ein sich öffnender Kofferraum sagt mir: das war definitiv der beste platte Reifen meines Lebens.

Das einzige verfügbare Austauschauto ist eine Rakete der Oberklasse: ein Buick Lucerne. Wieviel Dusel muss ich auf dieser Reise wohl noch ertragen? Einige der lustigsten Späße in dieser Limousine: Digitales Radio, 250 Sender. 16 Harman-Kardon-Lautsprecher, die meine Haare wie auf Tuner-Wettbewerben Polka tanzen lassen. Regensensor, Lichtsensor, Einparkhilfe. Alles in Leder, Sitze elektrisch auf 5 Ebenen verstellbar. Sound: brünstiger Hirsch über 1000W-Stereo-Marshall-Amp.

Das Auto ist eine echte Rakete. Zu spüren bekomme ich das erstmals kurz vor der Grenze nach Wyoming. Ich zappe begeistert durch 250 Spartensender und konfiguriere den Sound meinen Vorstellungen entsprechend. Nach einiger Zeit bemerke ich die blinkende Highway-Patrol hinter mir. Sirenen hätten gar nix gebracht. Meine Musik war lauter :-) War wieder 5 Meilen zu schnell. Danke für den Tipp, Jeff! Und komme wieder mit einer kostenlosen Warnung davon.

Nach 300 Meilen treffe ich eine folgenschwere Fehlentscheidung. Ich hatte David, meinen nächsten Host in Bozeman, Montana, bereits informiert, dass ich fünf Stunden später gegen 9 Uhr abends ankommen würde. Auf der Karte sieht es so aus, als wären die Landstraßen genauso weit wie die öde Interstate. Ich verlasse die Interstate bei Buffalo und cruise über Landstraßen Richtung Yellowstone. Wunderbare Panoramen in Canyons, rauf über die ersten Berge der Rockies nach Westen.

Spätestens in den weiten Prärieebenen hinter den ersten Bergen merke ich mal wieder, dass Amerika riesig ist. Gewitter ziehen auf, ich bin der einzige weit und breit. 8 Uhr und noch über 200 Meilen. Nach Cody, der letzten Ortschaft und Kreuzung vor dem Yellowstone National Park kommen mir auf 70 Meilen nur noch Autos entgegen. Keines fährt in meine Richtung. Ich bin heilfroh, als ich um halb zehn feststelle, dass die Ostpforte zum Yellowstone noch nicht zugemacht hat.

Ich fahre vollkommen alleine durch den Yellowstone Park. Ja, ab und zu ein Auto, aber sehr selten. Dunkelheit und viele Kurven. Immer wieder scheinen mich Augen vom Straßenrand zu beobachten. Dunkle Wolken, schwärzer als die Nacht. Im Yellowstone Lake auf 2500m spiegelt sich Wetterleuchten, im Nordwesten ein allerletzter roter Abendschimmer. Meine Scheinwerfer streifen Dampf, es riecht nach Schwefel. Erst nach zwei Stunden bin ich am Nordende des Parks angekommen.

Nach einer guten weiteren Stunde bin ich in Bozeman. David hatte zum Glück den Weg sehr gut beschrieben. Es ist ein Uhr Nachts. Es brennt noch Licht. Aber ich will auf keinen Fall jemanden wecken. Schlafe im Auto. Sehr bequeme Lederliegen. 16 Stunden und 750 Meilen. Gute Nacht.



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