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9:00
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17
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Niagara Falls

Mit dem Bus in der Früh von Toronto zu den Niagara Falls. Neben mir sitzt ein Japaner, stocksteif, lehnt sich in 1 1/2 Stunden keine Minute an. Ausgleichen tut das die Autistin vor mir. Die lehnt sich jede Sekunde einmal an. Runter am Bahnhof, Transfer Bus zur Rainbow Bridge. Ich bin der einzige weit und breit, der die Brücke zu Fuß und mit Gepäck überquert. Die US Custom Officers sind witzig wie immer.

Die Jugendherberge liegt in einem sehr schönen Viertel. Kolonialstil und Südstaatenhäuser vom Beginn des letzten Jahrhunderts. Nur jedes dritte ist bewohnt, der Rest verfällt. Hat Charme. Das Hostel macht offiziell erst um vier auf, deswegen geh ich gleich auf Tour. 2 km zu den Niagara Falls. Riesen Casinos und Motelkomplexe. Dann Parks und Attraktionen wie Helikopterflüge, Arcades und Fesselballone. Ich spar mir alle und geh am Ufer oberhalb der Fälle entlang. Mei, Herr Dirschedl, würden Dir die Stromschnellen gefallen…abtreiben derfst halt ned :-)

Weiter auf die Inseln oberhalb der Fälle. Immer wieder abseits der Wege kleine Durchblicke auf die Stromschnellen und die Kante der Fälle. Über Green Island nach Goat Island. Mitten zwischen den zwei Fällen regnet es ordentlich, während unten ein paar Plastikmantelzwerge sich in der Gischt vergnügen. Ich lauf weiter bis zu den Horseshoe-Falls, der Grenze nach Canada. Dann einmal um Goat Island rum. Auf der Rückseite finde ich 200m oberhalb der Falls eine kleine strömungsarme Bucht mit verstecktem Zugang durch die Büsche und nehm ein kühles Halb-Bad.

Über die Three Sisters Islands kommt man bis weit raus in die Stromschnellen. Auch dort gibt’s versteckte Pfade bis an die Grenze des Wildwassers. Baden verboten, bei Gefängnisandrohung. Würde ich hier auch gewiss nicht mehr, weiter unten stand davon ja nix :-)

Ich geh wieder zurück zum Hostel, ziemlich alle. Will schlafen. Aber das Zehnbettzimmer macht mir nen Strich durch die Rechnung. Also um 8 einfach wieder raus, und mit 3 Australiern, einem Holländer und einer Neuseeländerin in den nächsten Pub. Das Bier kostet hier gerade mal 2,50 $, auch die Zigaretten nur 5 anstatt 8 wie in New York. Quatschen über Welten und Pläne. Dann ziehen wir los.

Wir wollen auf die Kanadische Seite. Nachts werden die Fälle von dort aus beleuchtet. Regenbogenfarben wie die Flaggen in Toronto. Einmal ist es unerwartet: die amerikanische Seite ein ruhiges und beschauliches Dorf mit einem großen Casino. Und auf der Kanadischen dagegen die reinste Las-Vegas-Disney-World-Explosion. Ein Casino neben dem anderen. Blinkeblitzlichter. Biergärten. Rummel. Quietschende Tuning-Car-Reifen. Biergärten mit Karaoke. Den besoffenen Amis sollte sogar im Dunkeln und nüchtern das Singen verboten werden. Hier grölen sie. Can’t get enuff.

Das letzte Bier in der Sports Bar kostet schlappe 8 Dollar. Dafür dröhnt die Musik unglaublich laut. Überall besoffene Kinder, und auf dem Tisch schwimmt die Karte in einem Biersee. Im TV über der Bar schlägt ein Extreme Fighter so lange auf einen anderen ein, bis dem die Haare ausfallen. Die Bowlingbahnen sind voll besetzt, genau wie die ca. 100 Automaten. An einem hüpft eine dicke hässliche Töle zu irgendeinem Tanzspiel spastisch auf und ab. Erinnert massiv an die Szene mit Scully und Homer Simpson auf dem Laufband. Erbarmen wäre, ihr einen Dollar zu schenken und zu sagen: Bitte geh flippern!

Es ist unglaublich, was die Menschen hier als Unterhaltung erachten, an solch einem grandiosen Ort. Ich weiß lange nicht, ob ich lachen oder weinen soll und entscheide mich dann für das lustigere. Gegen zwei Uhr gehen wir heim, die Brücke nach USA schwankt.

Am nächsten Morgen geht’s wieder an die Niagara Falls. Mit dem Boot bis direkt in die Gischt. Ich brauch keinen Regenmantel, die Dusche ist spitze. Danach trockne ich 30m hinter der Kante am oberen Park. Schau in die Schlucht, höre das Donnern. Arbeite an einer Homepage. Squirrels fressen mir Erdnüsse aus der Hand. Und ich frag mich, in welcher Farbe ich meine Bürowände streichen sollte…

Am Abend, wieder im Hostel. Wlan is zusammengebrochen. Muss nochmal 3km laufen für nen Anschluss ans WWW. Ich mach die Unterkunft in Chicago klar und lauf an nem großen Harley-Treffen vorbei nochmal heim. Gute Band, ein Platz von 200 mal 100m wird nur von der strahlenden Sonne und sonst nichts belegt.

Am Abend ziehen wir mit einer neuen Australierin nochmal los Richtung Viagra Falls und GagaTown. Feuerwerk über den Falls, extra für uns. Dann ins Nacht“Leben“. Der Karaoke-Biergarten. Davor sitzt ne fette rosarote Töse in Ihrem Lexus. Zu dick um auf ein Bier reinzuschauen. Sitzt da stundenlang und glotzt. Japaner schenken uns irgendwann ne halbe Pizza aus der Kubikmeterklasse. Sollte genug sagen über die Qualität des Singsangs.

Ein volltrunkener Fred Durst-Verschnitt Creed-enzt „With arms wide open“. Zwischen den Textmonitoren über der Bühne läuft auf einem in der Mitte Golf. Tiger Woods schlägt mit eng aneinanderliegenden Armen einen satten Hole in None. Das Bier kostet 7,50$. Und je schlechter gesungen wird, desto mehr wird getrunken. Eine begnadete Stimme rettet mit „Black Velvet“ meine in fünf Stunden geplante Weiterreise nach Chicago. Hoff ich. Gute Nacht.



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