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Cannonball Endspurt

Heute ist der letzte Tag meines privaten Cannonball Race quer durch Amerika. Die sich im See spiegelnde Morgensonne kitzelt mich zusammen mit einem Kaffee wach. Ich breche rasch auf, denn der Endspurt ist über 500 Meilen lang – zumindest auf der Interstate. Will ich die wirklich nehmen? Nein! Heute nochmal richtig dreckig. Nur kleine Landstraßen, Pässe, Schluchten. Alles viel weiter. aber am Ende des Tages weiß ich: auch viel schöner.

Ich fahre zuerst durch Montana und komme dann nach Idaho. Rieche wieder Feuer, und diesmal sehe ich es auch direkt neben der Straße. Idaho brennt. Und nicht nur das. Auch Washington. Zwei Stunden später komme ich an wirklich großen Feuern vorbei. Die Sonne ist verdunkelt, und Flugzeuge kreisen.

Der Weg ist lange, sehr lange. Ich trinke mehr Kaffee als je zuvor in meinem Leben. Ist nötig. Immer wieder todmüde. Aber ich will dich er-fahren, Amerika! Rauf in ein Skigebiet. Runter in ein Tal. Durch Westernstädte, einsame Grasebenen…und zuletzt wieder ganz weit rauf in die Rockies.

Über den Highway 20 nähere ich mich noch nördlich von Seattle dem Pazifik. Es geht wieder in Serpentinen steil den Berg rauf, und heute seh ich endlich Big Sky. Wenn auch leider nicht mehr über Montana. Die Straße führt direkt in die Wolken. Der kühle Pazifik schiebt sie in atemberaubender Geschwindigkeit über den höchsten Grat in den trockenen und warmen Westen hinter den Rockies. Der Washington Pass ist die Haupt-Wetterscheide.

Direkt nach dem Pass fällt die Temperatur um 10 Grad. Es ist feucht. Zum ersten und wohl auch letzten Mal schalte ich die Heizung an. Madame Lucerne friert, während ich versuche, mich an den Fahrstil in Washington State anzupassen. Alle heizen wie die Deppen den Pass runter, unter 20 Meilen über Limit geht keiner baden. Und die Fahrer sind selten.

Azurblaue Bergseen. Heftige Sturmböen preschen den Pass hinauf. Die Äste exponierter Bäume zeigen alle nur nach Osten, so stark und einheitlich ist der Wind. Auf dem Weg nach unten komme ich durch den Cascade National Park. Wenige Meilen nur, aber auf denen hunderte von Wasserfällen links und rechts. Der Wald wechselt von Nadel zu Laub, unten ist der reinste Urwald mit Farnen.

Nach nur 50 weiteren Meilen bin ich am Pazifik auf der Interstate Richtung Süden und Seattle. Ich fahre wieder in ein Wohngebiet und finde einen ungeschützten Hotspot. Megan, meine Host für die nächsten Tage hat gemailt. Ich bin sehr dankbar, diesmal rechtzeitig eine Adresse zu haben. Google Maps schickt mich zwei Meilen entfernt an den falschen Fleck…aber nette Menschen und meine Klappe helfen. Endlich komme ich einmal pünktlich an, um neun Uhr abends wie verabredet. Nach 14 Stunden und 650 Meilen.

In den letzten 14 Tagen habe ich fast ganz Amerika durchquert. Einige Staaten gleich mehrfach. Ich habe 5600 Meilen zurückgelegt, oder anders gesagt im Schnitt 640 km pro Tag. Spitzenwert war 1200km in 16 Stunden. Ich bin alle, fix und alle. Ohne Madame Lucerne wär ich nie an die wirklich einsamen Stellen im mittleren Westen gekommen. Doch der Preis dafür war hoch: 60 $ pro Tag plus Sprit. Und vor allem habe ich mit einem gezahlt:

Es war kein tiefes Reisen. Ich habe mich viel bewegt, und viel gesehen. Jedoch was ich von jedem Ort aufgenommen habe, sind jeweils 3 Zeilen, noch nicht mal ein begonnener zweiter Absatz pro Kapitel. Keine Interpunktion, und die Fotos in diesem Reiseführer entstanden viel zu oft im Drive-By-Shooting. Viele Seiten sind leer geblieben, überall wollte ich länger bleiben. Vieles mehr machen. Vor allem mal die Augen zu, außer zum Schlafen für fünf Stunden. Meine Augen waren ständig offen. Hab sie nie geschlossen. Und deswegen nur ganz wenig gesehen.

Auf der Interstate kam vorhin Prodigy: Breathe. Jetzt bin ich in Seattle. Morgen Mittag gebe ich Madame Lucerne zurück. Ich werde einige Tage ne Pause machen. Akku laden. Ich werde laufen, zu Fuß durch diese wunderbare Nachbarschaft. Augen zu machen und sehen. Blind tippen kann ich nicht, deswegen wird auch der Blog einige Tage ruhen. Gute Nacht!



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