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Vom Himmel über die Hölle ans Meer

Der letzte Tag im Bikerhimmel von Da Lat führt uns direkt an eine kommunistische Rodelbahn. Wir heizen ins Tal an einen Wasserfall, dann rauf zur zweiten Fahrt. Erstmals in Vietnam fährt ein Mensch vorsichtig. In diesem Fall deutlich zu vorsichtig. Mit 5km/h blockiert ein Vietnamese die Rodelbahn, einen Weg auf dem einem keine Geisterfahrer im Minutentakt entgegenkommen.

Zurück am Hotel satteln wir die Bikes und machen uns auf einer alternativen Route auf den Weg zurück ans Meer. Mein Orientierungssinn bringt uns meist auf die richtigen Straßen. Nachfragen müssen wir trotzdem ständig. Die Karten sind zu schlecht, die Schilder äußerst spärlich gesät. Durch wolkenverhangene Regenwaldberge geht es auf Buckelpisten durchs vietnamesische Hochland.

Mein Mopped pfeift aus dem letzten Loch. In diesem Fall in Form der Vorderradbremse. Ständig bremst sie leicht pfeifend. Die Hinterradbremse funktioniert zu gut. Drückt man etwas zu fest, blockiert das Hinterrad kurzzeitig vollkommen. Auf den ersten 500 Höhenmetern nach unten beschert mir das vor jeder Kurve gratis zusätzliche Spannung – neben der Frage ob mir hinter der Kurve wieder ein Truck auf meiner Spur entgegenkommt.

Das Ende des Hochlandes wird markiert durch den Nguon Muc Pass. Oben spurten Verkäufer auf uns zu. Eine kommunistische Marketingstudentin spricht ganz gut Englisch. Ich frage sie, ob es in Vietnam sowas wie einen Führerschein gibt. Sie meint: Nur für Motorradfahrer.

Nur 1000 Höhenmeter weiter unten, 20 Grad heißer und 50km weiter muss ich mich nach dem Sinn dieser Regelung fragen. In einem Straßendorf steht eine Menschenmenge um einen Truck. Seine Front sieht aus, als hätte er einen Zusammenstoß mit einem Mittelklassewagen gehabt. Hatte er aber nicht. Vor ihm liegt ein völlig zerfetzter Roller. Ein paar Meter weiter beugt sich eine weinende Vietnamesin über eine bunte Reisstrohmatte, unter der Blut hervorläuft. Ein paar Frauenschuhe liegt weit auseinander auf dem Asphalt. Dazwischen liegt ein einzelner Kinderschuh. Der tote Winkel beträgt in Vietnam 360 Grad.

Wir heizen wortlos die letzten 100km über den Highway 1 zurück ans Meer. Irgendwann hinter einem Truck. Über einige Kilometer rast er durch geschlossene Ortschaften, schwächere Verkehrsteilnehmer mit seiner 120dB-Hupe aus dem Weg fegend. Er weicht kein einziges Mal aus. Schwein von links, Ochse von rechts, Hund von hinten, Rindvieh von vorne.

Nach insgesamt 600km über Vietnams Straßen kommen wir spät nachmittags heil und halb heilig in Mui Ne am Meer an. Ich habe heute sechs Stunden lang mein Karma aufgeladen. Alle 15 Minuten vermeide ich einen nicht selbst verschuldeten potentiell tödlichen Unfall. Mit Gefahr habe ich kein Problem. Sie lehrt, Sicherheit zu schätzen. Doch Motorrad fahren in Vietnam ist was anderes. Es ändert meine Orthographie. In Zukunft werde ich Wahnsinn mit V schreiben.



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