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Vergesst Hoi An!

Jeder muss nach Hoi An. Eine alte Stadt, historisches Ensemble, behutsam renoviert. UNESCO Welt-Kulturerbe und von ausnahmslos jedem Reiseführer zum Highlight eines jeden Vietnambesuchs proklamiert. Heute komm ich in Hoi An und brauche ganze zwei Stunden um eine ganz andere Meinung zu entwickeln: Hoi An ist das erbärmlichste Weltkulturerbe, das ich je besucht hab.

Eben mal gezählt: Auf dieser Weltreise hab ich bisher 18 UNESCO Sites besucht. Seit letztem Jahr ist meine Heimatstadt Regensburg ebenfalls Weltkulturerbe. Die Orte werden aufgrund herausragender historischer Bedeutung in Verbindung mit tatsächlich präsenter Geschichte ausgesucht. Genau deswegen schrei ich in die Welt: Vergesst Hoi An!

Eigentlich ist die Stadt ganz nett. 70.000 Einwohner, nicht zu groß. Hoi An war in in den letzten Jahrhunderten einer der bedeutendsten Handelshäfen Südostasiens. Es gibt noch zahlreiche alte Handelshäuser. Vor allem wegen denen wurde Hoi An auf die Liste gesetzt.

Und warum gehört sich Hoi An nicht dahin? Erstmal: die ältesten Gebäude sind gerade mal 200 Jahre alt. Gut, in einem Land, in dem das Blut im Minutentakt vergossen wird und alle drei Meter Blindgänger zu finden sind ist das recht alt. Akzeptiert. Die Gebäude sind teils sehr verfallen, um manche kümmert sich gar keiner.

Die Reiseführer behaupten, Hoi An wäre ein schönes Ensemble wegen der behutsamen Renovierung und Erweiterung der Stadt. Renovierung vielleicht, Erweiterung keinesfalls. Direkt neben der Altstadt stehen pastellfarbene Betonbunker Seite an Seite. Die Stadtstruktur ist – vom Zentrum mal abgesehen – fast so gelungen wie Neutraubling. Sprich: vollkommen inexistent, einfach hingeschissen.

Wie kümmert sich Vietnam um sein Welt-Kulturerbe? Zuerst mal kostet der Eintritt in die Stadt drei Euro. Kein Witz und weltweit einmalig. Ich seh das nicht ein und renn einige Male einfach am Ticketstand vorbei. Überall sind Baustellen, die Stadt wird brachial und zu groß dimensioniert erweitert. Dreck, Müll, und von wegen Autofreie Altstadt. Vergesst Hoi An!

Ganz? Ne…es gibt immer was anderes. Hoi An ist seit Jahrhunderten berühmt für seine Seide, Schneider und Schuhmacher. Es gibt mehr als 500 Geschäfte, in denen man jeden Stil binnen 2h auf den Leib geschneidert bekommt. Ich probier’s aus, entwerfe schnell ein Hemd das es nicht von der Stange gibt. Am Abend schmiegt sich feine schwere schwarze Seide um mich. Begeisterung. Und für 12 Euro das gleiche bitte nochmal in weiß.

Ein Vietnamese ist nach 15 Jahre Weltreise und Kochen rund um die Welt nach Hoi An zurückgekehrt. Er zaubert im Mango Room. Meine Speicheldrüsen verkrampfen sich in drei gigantisch feinen Gängen. Nach einem Abschlusscocktail geh ich zurück ins Hotel. Mein Zimmer: Marmorbad, TV, AC, zwei riesen Doppelbetten, WiFi. Vielleicht schaff ich’s doch noch, binnen einem Monat mehr als 700 Euro auszugeben. Der Endspurt ist eröffnet.



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