…oder einfach Saigon?

2804
2008
Mo
19:15
Tag
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Saigon ist schizophren, verrückt, vielseitig, voller Kontraste. Die Amis haben die Vietnamesen vertrieben. Jetzt rechnen sie in Dollars. Vietnam ist kommunistisch. Jeder kämpft auf der Straße für sich. Früh Morgens geh ich über die Straßen des Viertels. Unendliche Armut neben Glitzershops. Mein Millionärstum erweckt die Gier in vielen vor Staub verkniffenen Augen.

Die Cyclo-Rikscha-Fahrer sind angeblich viele in Diensten der Amis gewesen, und noch 40 Jahre später Geächtete ohne Wohnrecht. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Was ich sehe ist: Auffallend viele sind recht alt. Aber kaum einer spricht englisch. Ein grauhaariger halb blinder Vietnamese mit der Hälfte meines Körpergewichts fährt mich vier Stunden durch Saigon.

Vietnam hat weltweit eine der höchsten Todesraten im Straßenverkehr. Jeden Tag stirbt ein Vietnamese. Das ist mir unbegreiflich, da der gesamte Straßenverkehr mit einer einfachen Regel zu beschreiben ist: Vergiss alle Regeln! Die Ampel ist rot? Fahre über die dreispurige Kreuzung, wer lauter hupt darf zuerst. Spurwechsel? Schubse deinen Nächsten zart zur Seite. Einbahnstraße falsche Richtung? Wird man wenigstens nicht von hinten gerammt. Dazu noch für mich ungewohnt: Nach einem halben Jahr wieder auf der „rechten“ Seite zu fahren.

Ein Polizist malt die Konturen eines Radlers mit weißer Kreide auf die Kreuzung. Ich bin froh, dass mein Fahrer halb blind ist. Sonst hätte er sicher auch Angst. Er bringt mich dutzende Kilometer durchs schlimmste planlose Gewusel. Erster Stop: Kriegsmuseum. Vietnamesen haben Humor. Ist untergebracht im ehemaligen CIA-Hauptquartier. Zu sehen gibt es einseitige Sichtweisen schlimmer Verbrechen.

Danach geht es weiter zum unscheinbaren kleinen Binh Soup Shop. Während der noch heute anwesende Chef unten Amerikanischen Diplomaten und Soldaten Nudelsuppe servierte, wurde oben die Tet-Offensive von 1968 befohlen. Ich schlürfe mit meinem Fahrer eine scharfe Nudelsuppe, dann bringt er mich noch schneller weiter.

Kaum zu glauben: Die Amerikanische Botschaft ist wieder genau am gleichen Platz wie vor 30 Jahren. Hier floh der letzte amerikanische Hubschrauber 1975 und überließ tausende Helfer unterhaltsamen Umerziehungscamps. Fotos darf man wieder keine schießen, aber wenigstens sorgen massig Bittsteller für ein dezentes Déja Vù.

Letzter Stop auf der Tour ist der Präsidentenpalast. Von jeder Ecke des betonierten Brutalismus tropft Geschichte. Generäle wurden exekutiert, Geschichte revidiert, Gebäudeteile bombardiert, Systeme abserviert, Kriege debattiert. Ach ja, und ganz oben drauf ist ein neckischer Tanzsaal, von dem aus man die markierten Einschlagstellen der Bomben eines wütenden Piloten aus 1975 sehen kann – 24h später kam der Vietcong. Manche Leute kommen einfach immer zu spät.

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