Leben und Sterben in Phnom Penh

2505
2008
So
21:04
Tag
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Phnom Penh ist eine Stadt in Schwarz-Weiß. Manche Grautöne erscheinen zunächst wie Farben. Am Abend bin ich mir jedoch sicher, dass es noch nicht mal Grautöne gibt. Warum? Ich habe Armut gesehen. Hier ist sie schlimmer. Slums werden von Müllgürteln behütet. Die Millionärsvillen einen Block weiter von Stacheldraht und CTV. Ich habe Verzweiflung gesehen. Hier hat sie nur ein Auge. Ich habe von Völkermord gehört. Hier brachten die Mörder sich am Ende gegenseitig um. Ich habe vom Vergeben gehört. Hier gibt es nur Vergessen.

Phnom Penh ist Schwarz-Weiß. Alte rote Khmer sitzen im Parlament. Die Elite bedient sich umfangreich an allem was dem Volk fehlt. Dem Volk fehlt alles, und es schreit mich den ganzen Tag an: gib mir dein Geld!

15km südlich Phnom Penhs liegen die Killing Fields, das größte Exekutions-Camp der Roten Khmer. In Choeung Ek wurden zwischen 1975 und 1979 schätzungsweise 500.000 Menschen ermordet. Männer, Frauen, Kinder. Babies. In einer Stupa werden einige Tausend Schädel präsentiert, die 1980 ausgegraben wurden. Makaber? Nichts kann hier mehr makaber sein.

Es gibt einige Tafeln, die in gebrochenem Englisch davon berichten, was hier mal war. Alles ist weg. Ein paar Vertiefungen in der Erde. Massengrab von 165 Menschen ohne Kopf. Massengrab von 100 nackten Frauen und Kindern. Massengrab. Massengrab. Massengrab. Am Eingang hängt ein Schild: Lachen verboten. Das bleibt heute das einzig Lustige.

Bevor Menschen Choeung Ek zur Hölle auf Erden machten, war es einfach ein paradiesischer Hain von alten Bäumen. Ein paar Meter weiter sieht man das. In den Bäumen summen Bienen, darunter scharren Hühner. Tuis zwitschern, Schmetterlinge fliegen von Blume zu Blume. Ein kleines Mädchen läuft mir hinter dem Stacheldrahtzaun hinterher. Es singt „some money…some money…“.

Mein Fahrer Chai bringt mich wieder nach Phnom Penh. Die roten Khmer besaßen anscheinend fast so etwas wie Humor. Eine grausige Art davon. Das größte Foltergefängnis Tuol Sleng war vorher eine Schule. Erst lehren, dann leeren, so grausam wie möglich. Von 10.000 Insassen haben sieben überlebt. Das lässt selbst das deutsche Torverhältnis verblassen.

Fledermäuse hängen unter dem Dach. Niemand zahlt mehr für den Unterhalt des Museums. Die Regierung hat die Förderung komplett eingestellt. Kein Wunder. Die alten Kader sind die neuen Kader. Es hat niemals eine offizielle Anklage gegeben. Ich glaube auch nicht, dass es je eine geben wird. Und wenn doch, wird sie mit Freisprüchen enden – oder Todesstrafen post mortem.

Tausende Fotografien hängen an weißen Tafeln. Die grünen Palmen vor den Fenstern spiegeln sich in den Gesichtern. Manche Frauen wissen, dass sie bald sterben werden. Andere Männer zeigen nur Hass. Dann komme ich zu einer Tafel mit den Gesichtern von Kindern und erstarre. Sie sind alle tot. Weil sie keine Bauern waren, oder wagten zu denken. Eine andere Fremdsprache beherrschten oder Menschen heilen konnten.

Die Roten Khmer wollten eine Nation von Bauern. Sie erhoben die Sollproduktion von Reis auf den dreifachen Wert. Deportierten eine halbe Nation und ermordeten fast zwei Millionen Menschen. Einige der alten Foltermeister rechtfertigen sich auf Wandtafeln: „Wir wären umgebracht worden, hätten wir nicht gehorcht.“. Niemand tat, was er wollte, und keiner ist schuld.

Am Ende war keiner mehr da, den die Roten Khmer umbringen konnten. Also brachten sie sich gegenseitig um. Der Mensch ist nun mal Gewohnheitstier, und mit alten Traditionen soll man schließlich nicht brechen. Es gibt nur zwei Dinge die Unendlich sind. Die Menschliche Grausamkeit und das Universum.

Ich will das Heute sehen. Verweigere 182 Motorbike-Angebote und laufe fast 10km durch Phnom Penh. Die Kambodschaner fahren wie Vietnamesen. Man muss ihnen den unumstößlichen Glauben an ihre Unsterblichkeit verzeihen. Sie haben mehr Grund dazu als Vietnamesen. Abbiegen? Senkrecht in den dreispurigen Gegenverkehr und auf keinen Fall blinken oder so wirken als hätte man noch ein Auge offen.

Die Märkte sind lebendig. Das tut heute mal sehr gut. Dann kommt wieder ein einbeiniger Bettler her, der sagt, er hätte gegen Vietnam gekämpft. Nein, du kriegst nix dafür. Bin ich deswegen grausam?

Jörg hatte mir vor ein paar Wochen Seeing Hands empfohlen. Massage durch Blinde. Tut ein gutes Werk und außerdem hab ich das Vorurteil, dass Blinde mehr sehen – oder vielmehr fühlen – müssen. Das Studio ist unauffindbar, 10 Kambodschaner können mir trotz Englischkenntnissen nicht weiterhelfen.

Im Zentrum finde ich dann endlich ein Blinden-Massagestudio. Ich gönne meinem Rücken eine halbe Stunde. Gönnen? Das beste Mittel gegen Vorurteile sind Erfahrungen. Ich lerne: Blinde fühlen auch nicht mehr. Sie sehen weder die Blutspritzer an der Wand, noch hören sie meine Schmerzensschreie. 45kg blinder Roter Khmer presst seinen Daumen mit 50kg in meinen Rücken. Wunder der Physik…

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Ein Kommentar

  • Carin schreibt am Dienstag, 27.5.2008 um 20:22:

    Eschuetternder geht es nicht mehr. Sind gerade in Toronto und lesen Gegensaetze pur. Die Traurigkeit ist ueberall, denke daran, dass auch Froehlichkeit wiederkommt und jeder das anders macht. Ma Tolle Berichte, auch wenn sie traurig machen.

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