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Auf Timmerbergs Spuren

Ich bekomme gute Bücher geschenkt. Allein im letzten halben Jahr drei mal Helge Timmerberg, keiner wusste vom anderen und jeder kam genau einmal. Das erste hab ich mit einem akuten Bauchmuskelanriss knapp überlebt. Das zweite liegt jetzt neben mir im Zug nach Basel. Ich hab Angst anzufangen.
 
Es gibt richtiges Reisen. Und es gibt das Gegenteil. Timmerberg macht alles richtig, denn er macht praktisch alles falsch. Er hat keine Angst davor. Er sieht mehr, fragt mehr, findet fast nie, was er sucht – und fällt deutlich herzhafter auf die Fresse als jede stilettotragende Bergsteigerin. Ich begeb mich auf Timmerbergs Spuren.
 
Die letzten Monate waren schon wieder Schlachtfest. Komischerweise sind mit Arbeit verbundene Schlachtfeste meist eine recht blutleere Angelegenheit. Irgendwann wach ich mitten am Tag am Telefon sprechend auf, und in meinem Schädel tanzt die Endszene aus Kill Bill. Dann weiß ich: es ist wieder mal soweit.
 
Gegen Mitternacht komm ich in Frankfurt an. Auf der Suche nach einer schönen grindigen Bar watschel ich durch den Bahnhof. Aber die Bahn hat dem Reisen jeden Soul geklaut. Verspätungen sind ihr einziger Dreck. Der Rest ist blitzblank und steril. Reisen ohne Dreck ist wie Klo ohne Stink.
 
Ich geh raus. Direkt gegenüber liegt die 24h-Bar Gleis 25. Das siffige Schild lässt gutes hoffen. Die Jukebox lautet auf den Namen "Big Fire" und hört sich an wie Grisu auf Propanmangel. Erster Song: "Das sind nicht 20 Zentimeter" in Techno. Am Tresen fragt mich eine reichlich verbrauchte Hure, ob das Bier so groß sein soll wie ich. Gerne.
 
Die brasilianische daneben ist unzufrieden über den Verlauf des Verhandlung mit einem Alt-Alki. Sie springt auf und fängt an wild  vor mir zu tanzen, noch bevor ich's schaff auch nur ein Wort zu tippen. Erste Gläser schwirren im Tiefflug vorbei. Erst schimpfen die Huren auf die Männer, dann schreien die Männer gegen Frauen, zuletzt die Barkeeperin gegen alle. Dann tanzen wieder alle befriedet zu den Flippers.
 
Diese Abfolge wiederholt sich einige Male. Ein Randalierer wird an mir vorbei brutal auf die Straße rausgeprügelt und die Tür verschlossen. Ich bin frei. Guantanamo ist der einzige Ort auf amerikanischem Boden mit freier Gesundheitsfürsorge.
 
9 Uhr Morgen. Der Flughafen Basel ist so niedlich klein, dass man ständig  "Ja wo isser denn?" sagen möchte. Eine Warnung durchschneidet die Vorhalle. "Verdächtige Gepäckstücke werden vernichtet!". Wie definiert sich "verdächtig"? In einem Rucksack nebenan klingelt ein Handy mit Tom Jones, "Sex Bomb". Noch bevor das SEK die Notsprenungung einleiten kann entkomme ich durch den Check-In.
 
Bis Paris ist alles okay, dort angekommen ist der Flieger hinüber. Ökonomischerweise gesteht Air Mediterranée dies erst nach 6h warten ohne Essen ein. Einige Deutsche schreien da schon. Zum Hotel gibt's keinen Transfer. 400 Lemminge rattern mit Trollies durch die Nacht. Nach einer Stunde Check-In und 26 Stunden auf Reise fall ich nur noch ins Bett.
 
Danke für die Übernachtung, Air Mediterranée! Danke für's nicht informieren, für den Hunger, und danke für satte fünf Stunden Schlaf. Um 4:45 geht's wieder zum Flughafen und dann endlich ab nach Venezuela. Bin gespannt was Air Mediterranée für die Sauerei zahlen wird. Wenn's nicht genug ist schenk ich denen Platz eins für "Service Air Mediterranée" in Google. Gratis und sofort.
 
Nach insgesamt fast 48h on the road komme ich auf der Isla Margarita an. Der Flieger wackelt im Sturm. Ab ins Hostel, raus an den Strand und kiten. Kunden und Freunde: Ich kann grade keine E-Mails senden. Venezuela wird anscheinend geblockt. Suche morgen nach einer Lösung. Das ganze Internet wackelt wie Sau…


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1 Kommentar zu “ Auf Timmerbergs Spuren ”

hi fränkchen,
freut mich, dass dich bücher arsch treten bzw. dich lehren, arsch treten zu lassen…
ich lese deine tage mit freude. s n bisschen, als selbst dort zu sein… und das im muffigen zimmerle… ;-)
machs gut, ich trink grad n bier auf dich!
lg
michi

Kommentar von michi am 19.3.2010

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