Einbahnstraßen in die Urbanizacion

1312
2009
So
23:26
Tag
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Windfinder gibt Alarm. Früh morgens suche ich einen Weg in den Nachbarort El Medano zu Kiten. Das ist nicht einfach. Alle Straßen in unserer leeren Privat-Urbanizacion sind Einbahnstraßen. Ich lande sieben Mal wieder am Hotel, kein Weg führt nach draußen. Trotzdem finde ich das System Einbahnstraße symbolisch sehr passend.
 
Gestern Abend, ein kleiner Spaziergang an der Strandpromenade. Ausnahmslos jeder Ober aller leeren Restaurants stürzt sich werbend auf uns. Im Untergeschoss befindet sich eine Shopping Mall. Alle Geschäfte sind leergeräumt. Am Ende macht Elvis seine Memphis Bar zu. Es ist acht Uhr abends.
 
Leere Geschäfte verkünden die Nebensaison. Leergeräumte Geschäfte sagen: Hier gibt's auch in der Hauptsaison nichts zu verdienen. Alles ist zu groß, leer und dunkel. Jemand hat sich vollkommen verplant. Woran liegt das? Eine besorgniserregende Theorie reift in meinem Schädel.
 
Alle Einbahnstraßen hier waren mal offen in beide Richtungen. Man sieht es noch deutlich an den Pfeilen auf dem Asphalt. In der Tat sind die alten Fahrtrichtungsmarkierungen noch so deutlich sichtbar, dass ich bereits mehrfach zum Geisterfahrer wurde. Jetzt aber gehen alle Straßen nur in eine Richtung: in die Urbanizacion hinein.
 
Ähnliche Prinzipien wenden große Städte bei der Verkehrsplanung an: Zu manchen Tageszeiten werden die Intervalle bestimmter Ampeln verkürzt, um den Verkehrsstrom in eine Richtung zu verkleinern. Die Teneresen haben das Prinzip mit den Einbahnstraßen drastisch optimiert.
 
Ein kalter Schauder fährt mir den Rücken runter. Warum haben die Engländer bei der Autorückgabe so grantig geschaut? Warum waren es so viel weniger als die bei der Ausgabe? Warum sind alle Urlauber so alt hier? Und warum sind die Hotels so leer?
 
Wir sind verdammt zum ewigen Urlaub! Die armen Alten finden einfach den Rückweg nicht mehr! Sie kommen hier als junge Menschen an. Dann kommt der Tag der Heimfahrt. Aber kein Busfahrer hat jemals den Weg heraus gefunden. Jeden Samstag kommen sie ein Stück älter zurück. Ich blicke in den Spiegel. Ist das ein neues graues Haar?
 
Trotz aller verkehrsplanerischer Kniffe der Teneresen kommen immernoch nicht genug neue Touristen an, um die abgestorbenen zu ersetzen. Wenn ich jetzt noch einen versteckten Friedhof oder einen Bus voller mumifizierter Leichen finde mache ich mir ernsthaft Sorgen.
 
Das Problem ist nicht neu. Laut Thor Heyerdahl machten vor 2000 Jahren schon die Ägypter auf ihrem Weg nach Mexico hier Stop. Sie bauten ein paar Pyramiden und warteten 1500 Jahre. Dann kam Kolumbus und nahm sie mit. Einige Ägypter blieben zurück. Sie bewachen noch heute die Reste der Pyramiden auf Teneriffa. Zur Besichtigung der Steinhaufen kassieren sie läppische 10,40 € – in der Hoffnung irgendwann mal genug Geld für ein Flugticket zusammenzukriegen.
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Ein Kommentar

  • Felix schreibt am Samstag, 18.2.2012 um 21:43 Uhr:

    Herrlich. Ich weiss zwar nicht, ob ich jetzt wirklich nach Teneriffa zum kiten will, aber immerhin habe ich mich bei der Recherche dazu gut amüsiert…

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