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Vergesst Sansibar!

Auf gerade mal einer Woche guten Wind folgt umgehend die nächste Woche Permaflaute. Notgeilen Kitern fallen die Flügel bei acht Knoten aus dem Himmel. Ein böser Mageninfekt versucht mir einige Tage jedes Essen zum falschen Ende rauszudrücken. Bei Höchststand der Flut laufe ich über einen Knacksfolien-Teppich aus tausenden Quallen ins acht Kilometer nördlich gelegene Dongwe. Ärmste Dörfer und Müllhalden am Strand wechseln sich ab mit leerstehenden Luxusresorts.

Paje ist auf einmal komplett verlassen. Sprünge jetzt noch Jack Nicholson irre grinsend mit einer Axt hinter einer Palme hervor, würde ich ihm einfach meinen Bauch hinhalten: „Da, kannst haben, is eh scho kaputt.“ Der Friedhof von Paje ist gleichzeitig die Müllhalde, und ganz Paje ein Friedhof.

Mit ein paar guten Österreichern und einem Schweizer touren wir auf Prison Island. Die spärlichen Informationstafeln berichten von belanglosen Fakten und bedeutungsloser Geschichte, der liebe aber vollkommen ahnungslose Guide von noch weniger. Highlight des Tages sind mit reichlich Mist beschmierte vögelnde Riesenschildkröten.

Die Hauptstadt Stonetown bietet ein paar schöne Kolonialzeit-Gebäude und viele alte reich verzierte Eingangspforten. Der Rest dazwischen ist wie ganz Sansibar: Dreck, Gestank, Verfall und ungenutzt verstreichende Leben.

Ich versteh die Sansibaris einfach nicht.  Sie leiden unter bitterster Armut mit gerade mal 150 $ monatlichem Durchschnittseinkommen. Die Preise sind natürlich niedriger als in Europa, aber gemessen am Einkommen der Sansibaris unendlich hoch.

Ein Duschkopf tropft in permanenter Wasserknappheit. Sansibari Lösung: Waschzuber drunterstellen! Barkeeper stehen Nachmittags stundenlang untätig rum. Abends brauchen sie eine viertel Stunde zum ausschenken von drei Drinks, weil sie selbst zwei Bier unmöglich im Kopf zusammenrechnen können. „Beer“ scheint auf dieser Insel überhaupt das einzige Wort zu sein, aus dem keine legasthenischen Stilblüten spriessen.

Ich hätte gerne öfter Trinkgeld gegeben. Wusste nur selten, wofür. Das Essen dauert immer mindestens eine Stunde. Beilagen kommen eine halbe Stunde nach dem Hauptgericht. Dazwischen bittest du um Gläser, Besteck, Aschenbecher, Salz und das drei mal vergessene Wasser. Dann gehst du heim. Wie immer fehlt das Klopapier.

Der Lebensstandard auf Sansibar ist vergleichbar mit dem der Philippinen, Fiji oder Vietnam. Der Unterschied ist die allumfassende Lieblosigkeit. In anderen Ländern haben selbst die erbärmlichsten Hütten irgendwo ein liebevolles Detail. Hier: absolut nichts, viele teure Unterkünfte ebenso eingeschlossen. Selbst die von übelstem Gras permabreiten Rastafaris kriegen mehr auf die Reihe als der nüchterne Rest der Sansibaris.

Ich reise gerne in ärmere Länder. Ich liebe den Unterschied und habe wenig Ansprüche. Im hier und jetzt lebende Menschen verehre ich. Doch die vollkommene Apathie aller Sansibaris gegenüber ihrem eigenen Leid ist etwas ganz anderes als Buddhismus: sie sind wie stumpfsinnig blickendes Vieh, das die eigene Armut auf der Weide der Erbärmlichkeit äst. Schlichtweg niederschmetternd.

Genau deswegen ist Sansibar nach über 50 bereisten Ländern die größte Enttäuschung seit Jahren. In guter Erinnerung bleiben mir die vielen guten Reisefreunde aus aller Herren Länder und das meist hervorragend gewürzte Essen. Schlecht: Zu wenig Wind, oft kein fließend Wasser, häufige Stromausfälle, fast nie Internet, miserabler Service und für das gebotene immer masslos überteuerte Unterkünfte. Ich freue mich unendlich auf daheim.



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