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Kiten mit Quallen

Alle Locals und Langzeit-Kiter sagen, dass der Wind auf Sansibar seit Dezember 2015 aussergewöhnlich schlecht war. Am Ende meiner zweiten Woche mit bisher gerade mal drei guten Tagen kommt er endlich an. Sechs Tage bläst der Wind jeden Tag einige Stunden mit 14 bis 22 Knoten. Wir haben viel Spass im Flachwasser am Strand und in den bis zu zwei Meter hohen Wellen am äußeren Riff.

Die z.B. auf Kitereisen veröffentlichte Windstatistik machen falsche Hoffnung. Für Januar gibt sie fast 100% Gleitwind. Selbigen definiert sie mit 4 Beaufort = 11 bis 15 Knoten. 11 Knoten werden auch tatsächlich fast jeden Tag erreicht, für ein paar Stunden, und oft nur in Spitzen. Selten wird der Grundwind deutlich stärker. Seit Mitte Dezember 2015 gab es wenige Tage mit wenigstens 15 Knoten Grundwind.

An einem der guten Tage bin ich weit draußen, als ich mitten in einen Qallenschwarm stürze. Die hier „Blue Jellyfish“ genannten Quallen treten meist an windreichen bewölkten Tagen zur Flut auf. Die Fischer sagen Dir, wann es gefährlich ist. Aber erst wenn sie vom Fischen zurück sind. So lange wartet hier kaum einer, wenn der Wind endlich mal gut ist. Eine Quallenwarnflagge wäre eine feine Idee, aber das ist wohl absolut unvereinbar mit Sansibarischem Servicegefühl. Ich hörte von einigen Kitern, die nach Quallenkontakt einen Krankenwagen anforderten. Mir erscheint das Brennen am rechten Bein und Arm zuerst nicht schlimmer als ein paar Bienenstiche, also kite ich einfach weiter.

Nach zehn Minuten fängt auf einmal meine Lende an zu ziehen. Der Schmerz wird schnell heftig. Ich fahre zum Strand und lande den Kite. Neben mit windet sich bereits ein Brite winselnd seinen Schritt in in Embryonalstellung knetend im Sand. Auch er hat weit draußen einige Quallen abbekommen. Dann setzt der Schmerz voll ein. Schreien, keuchen, winseln. 30 Minuten lang fühlt es sich an, als würde dir jemand permanent heftig in die Eier treten. Mein neuer Platz eins auf der Schmerzskala, ein gutes Stück vor Weisheitszahn und Zentralport-Implantat.

Das Internet identifiziert die harmlos klingenden „Blue Jellyfish“ auf Deutsch als „Portugiesische Galere“. Ihre Nesselzellen feuern einen Cocktail aus verschiedenen starken Nervengiften ab, die auch Lähmungserscheinungen hervorrufen können. Nicht bei jedem erreicht das Gift die Lymphknoten. Kommt es jedoch dazu, wird der Schmerz als einer der schlimmstmöglichen durch Quallen verursachbaren beschrieben. Kann ich nach vier Kontakten mit anderen Quallenarten rückhaltlos bestätigen.

Am nächsten Tag verliere ich erst mal meine mit Board Mount und extra Edelstahlkabel am Brett befestigte GoPro. Beides bricht unter wenig Belastung, danke GoPro! Zwei Stunden schwimmende Suche auf einer Fläche von zwei Olympiabecken bringen nichts. 330 Euro sind futsch. Die Nachmittagssession wird noch besser. Wenige Kiter trauen sich in den heute wunderbaren 20 Knoten auf’s Wasser. Ich fahre extra nicht weit raus, um noch einen Quallenkontakt zu vermeiden. Aber sie sind heute überall. Die erste erwischt mich nach einer Viertel Stunde am Bein. Ich geh raus, greif nach dem Board und direkt in eine um den Griff gewickelte weitere Quallen-Tentakel. Volltreffer. Der Schmerz ist weniger schlimm als beim Sturz in einen ganzen Schwarm tags zuvor, reicht aber trotzdem zum Lymphknoten-Jodeln unter der Achsel.

Limetten sind das einzige Heilmittel hier, und die helfen nur gegen die Nesseln, nicht wenn das Gift die Lymphknoten erreicht hat. Backpulver, Vitamin C, Essig: Fehlanzeige. Es gibt keinen Arzt und nur eine kleine versteckte Apotheke. Mir stösst hier immer mehr extrem sauer auf. Kein einziger Kompressor in 10 Kiteschulen sind nur ein Luxusproblem. 20% der Schüler treten hier binnen zwei Wochen in einen Seeigel, was mit etwas unbegreiflich ist, denn es sind gerade in Strandnähe wirklich nur sehr wenige. Kein einziges dediziertes Rettungsboot für bis zu 200 Kiter am Wasser wiegt da schon schwerer, auch bei meist schwachem sideon Wind, großem Stehbereich und breitem Strand.

Das was ich vehement verurteile: alle lokalen Kiteschulen ziehen laut etlicher Schüler-Aussagen ihre Kurse rigoros durch. Wenn sie an Tagen mit acht bis zehn Knoten zum Wasserstart-Training rausgehen und der Kite ständig aus dem Himmel fälllt, ist das nur Geldschneiderei. Aber wenn sie in vollem Bewusstsein der Gefahr an Tagen mit Qualleninvasionen schulen, ist das einfach eine riesen Sauerei. Mehrere Schüler berichteten mir von Quallenkontakten, obwohl sie Schulung nur an sicheren Tagen erbaten. Quallen kommen nur gehäuft an einigen Tagen vor, nicht immer. Die Schulen wissen, wann es gefährlich ist. Aber sie ignorieren es allesamt.

Ich warne eine Kiterin, die gerade ins Wasser geht: „There’s a lot of jellyfish today, I wouldn’t dare it.“ Der Instruktor daneben (Airborne Kite Center) rotzt mich recht arrogant an: „Thank you, we know that.“ Eine viertel Stunde später liegt auch sie heulend am Strand. Abends laufe ich über den Strand zu einer Party. Hunderte Portugiesische Galeren zerplatzen unter meinen Füssen.

Seit 1999 habe ich ca. 100 Kitespots weltweit befahren. Ich schreibe so etwas sehr selten, aber für Sansibar/Paje ist es wichtig, denn niemand schreibt das: Dieser Spot wirkt erst mal wie das Paradies. Aber er ist eine einzige riesen Enttäuschung. Zu wenig und unzuverlässiger Wind. Alle paar Tage eine Qualleninvasion, schlimmer als alles was ich vorher erlebte. Gefahren ignorierende Kitelehrer. Ausser teilweise für’s Essen sind praktisch alle Preise ziemlich überteuert. Der Lebensstandard ist weit unter Thailand, Philippinen oder Vietnam, aber die Preise gerade für Unterkunft leicht dreimal so hoch. Der Service ist fast überall inexsistent bis schlecht. Strom und auch fliessend Wasser fallen oft aus. Das Internet fällt eher temporär ein, ist fast perma-offline. Die gesamte Insel hat außer in Stonetown praktisch keinerlei Kultur ausser Reggae, beschissenes Gras und Ami-ShitHop zu bieten – und ist landschaftlich in großen Teilen extrem eintönig.

Spart euch Sansibar! Größte Enttäuschung seit vielen Jahren, Ländern und Kitespots.



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1 Kommentar zu “ Kiten mit Quallen ”

In Miami waren es portoguise man of war. Wir wurden dringlichst gewarnt. Diese Erlebnisse sind wirklich nicht gut..
Gut aber, dass Du warnst vor all den schlechten Dingen.

Kommentar von Carin am 6.2.2016

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