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Von Kreuzfahrern und Dauercampern

Mir sind zwei Arten von „Reisenden“ äußerst zuwider. Die einen sind die Kreuzfahrer, die anderen die Dauercamper. Beide führen Sinn und Zweck des Reisens ad absurdum. Die Kreuzfahrer meinen, nur weil sich ihr Hintern bewegt, wären sie am reisen. Auffallend viele erleiden einen Herzinfarkt, wenn sie dann wirklich mal einem kurzen Prozessionszug zu irgendeiner vollkommen überlaufenen touristischen Sehenswürdigkeit folgen.

Die anderen sind die Dauercamper. Was ist der Sinn eines Heims, das zum Reisen gebaut wurde, aber immer nur an einer Stelle steht? Reisende sind frei im Herzen, Dauercamper haben nur freie Auswahl bei Vorurteilen. Warum mögen Dauercamper Spitzengardinen und Gartenzwerge hinter Jägerzäunen, aber keine Hohlblockziegel?

Diesesmal kommen wir zur richtigen Zeit am Hafen an. Aber die richtige soll dummerweise auch falsch sein. Ticketcounter, Eticket gegen echtes Ticket umtauschen. Passkontrolle eins. Weiter zum Eingang des Piers, Pass / Ticketkontrolle zwei. Security Check, alles wird durchstrahlt. Metallscanner. Mein Taschenmesser wird genauso unter Verwahrung genommen, wie ein paar Pistolen und die Büroschere einiger Polizisten vor uns. An der Wand hängt ein Schild: „Bomb jokes are against Philippine Law.“. Politisch inkorrekte Witzigkeit kostet fünf Jahre Knast oder 660 Euro.

Durchgang, Ticketkontrolle drei, Ausgang Checkin Ticketkontrolle vier, Boarding, Ticketkontrolle fünf, Ankunft in der Tourist Class und Kojenzuweisung Ticketkontrolle sechs. Bettwäscheausgabe Ticketkontrolle sieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwarzfahrer die Fähre in die Luft jagt ist ungefähr genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Fährunglück keine Nichtschwimmer an Board sind.

Wir hauen uns auf’s Ohr. Nach sechs Stunden wache ich auf und sehe den Sonnenaufgang … hinter der Skyline von Manila? Fuck! Wir sind Dauercamper auf Kreuzfahrt! Vorurteile kreisen wie Geier über meiner Großhirnrinde. Die Reeling wäre in Jägerzaun-Ausführung viel schöner. Und ich vermisse eine gehäkelte Bordüre um meinen Kissenbezug. Das Resthirn wird im Restaurant von Philippinischem Videoke-Singsang atomisiert. Die Küstenwache hat die Fähre noch nicht freigegeben. Vermutlich hat jemand eine Stecknadel an Board geschmuggelt. Die suchen sie seit mittlerweile 15 Stunden.

Niemand sagt was, niemand weiss was. Wann geht’s los? „Anytime.“. Ein deutscher Dauercamper setzt sich an unseren Tisch. Sein Doppelname Klaus-Dieter zeugt von erlittenen Kindeheitstraumata ob äußerst entscheidungsfähiger Eltern. Das versucht er jetzt auszugleichen und kotzt einen Haufen Packerl-Meinungen und Vorurteile vor uns auf den Tisch. Ein weisses Adidas-Shirt spannt sich über seine Plauze.

Man bespasst uns. Schneidende Ansagen im Minutentakt auf Tagalog und Englisch über alle Lautsprecher stören meinen Schlaf. Ich flüchte in ein Audiobook. Ein Matrose rüttelt mich wach. Ich habe den Preis für den größten Kreuzfahrer gewonnen. Der Gewinn ist ein Käppi. Die Philippinos applaudieren, nachdem sie den ganzen Tag verschwiegen gegrinst haben, wenn ich mir mal wieder in einem der viel zu niedrigen Räume den Schädel angehauen hab. Ich mach den Quasimodo ins Restaurant. Ein Helm wär feiner gewesen.

Es geht das Gerücht einer Havarie um, deswegen wäre die Küstenwache beschäftigt und kein Schiff könne ablegen. „Den letzten beissen die Hunde“ ist ja kein asiatisches Sprichwort, oder? Wir sind auf dem ältesten Superferry-Kahn. Und der legt jetzt gerade endlich mit 20 Stunden Verspätung ab. Die Videokeanlage springt an. Die Hunde jaulen wieder. Wovor hab ich jetzt mehr Angst?



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1 Kommentar zu “ Von Kreuzfahrern und Dauercampern ”

Sicher gelandet auf Coron.

Kommentar von ff-webdesigner am 20.11.2011

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