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Unidad 29: Philippinische Philosophie

Nach einem Monat hier hab ich immernoch nicht so ganz begriffen, wie die Philippinos ticken. Nur einzelne Aspekte, aber die strahlen dann auf alles andere massiv ab. Die wichtigeste Eigenschaft der Philippinos ist:  sie leben voll im hier und jetzt. Nicht Gestern. Nicht Morgen. Heute. Und nur da, keinen Milimeter weiter.

Am Abend trinke ich ein Bier mit den Gitarrero Ronel. Am morgen schiebt er sein leeres Mopped an die Tankstelle. Am Abend seh ich Schilder, die drakonische Strafen für Müllentsorgung verkünden. Am Morgen kriegt man in den Rauchschwaden hunderter kleiner privater Müllverbrennungen kaum Luft. Am Abend jaulen die Philippinos in den Videoke-Bars grausamst den Mond an. Am Morgen zeigen sie, daß sie eigentlich singen können.

Das einzige, was mich in den letzten Wochen echt schockierte war ein Drücker am Alona Beach. „Island hopping tour, Sir?“. „Nope, thank you!“. „Tomorrow, Sir?“. Ich bleib stehen, dreh mich um und schau den Drücker verwirrt an. Der Grund dafür bleibt für ihn verborgen.

Philippinos sind äußerst höflich. Immer. Sogar Bettler sprechen Dich an mit „Sir, got some Pesos?“.  Sie haben eine eigenartige Sprachteilung. Nicht nur, dass es mehr als 100 verschieden Sprachen gibt. Die Hauptsprache Tagalog beinhaltet dazu auch noch Teile von Englisch und Spanisch. Uhrzeiten und Wochentage werden prinzipiell mit Englischen Worten artikuliert. Wie könnte man ihnen verübeln, dass sie lieber über das hier und jetzt reden?

Mein letzte Tag auf Panglao. Eigentlich wollte ich in Balicasag mit den Riesenschildkröten tauchen gehen. Auch wenn hier das Tauchen mit bis zu 50 Euro pro Tauchgang mehr als viermal teurer ist als auf günstigen Inseln. Bohol ist nun mal anders. In der einzigen günstigen Tauchbasis fehlt heute genau ein Taucher für den Trip. Er wird abgesagt. Ich arbeite und nehme dann einen Jeepney zurück nach Tagbilaran zum Hafen.

Philippinos sind äußerst gottesfürchtig. Falsch. Gottgläubig. Ich glaube, das hängt vor allem mit dem Zustand ihrer Fahrzeuge zusammen. Viele Jeepneyrückwände zieren Sprüche wie „In God we trust.“. Das vermittelt unglaublich Sicherheit, wenn Dir auf dem Mopped dahinter plötzlich der rechte Jeepney-Zwillingsreifen heiligenscheinartig entgegengeeiert kommt – und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der spirituellen Kontemplation.

Im Jeepney. Im hier und jetzt. Den Ladestand mit Personenzahlen zu umschreiben erscheint unangemessen. Volumennprozent sind das Maß der Dinge. Der Jeepney nach Tagbilaran besteht zu ca. 60% aus Menschen, 40% aus Luft und ein bisschen Blech mit  frommen Sprüchen drumherum. Da fällt es einfach, im hier und jetzt zu sein, denn ignorieren können das noch nicht mal die Philippinos. Viele schwitzende Leiber auf allen Seiten, aber kein Platz zum rubbeln. Der absolute Albtraum für jeden Frottierer.

Auch zum Überqueren von vielbefahrenen Straßen gibt es eine tief in der Philippinischen Philosophie verwurzelte Technik. An Zebrastreifen hält hier niemand. Man muss die Straße erobern,  im hier und jetzt überqueren. Nicht daran danken, wie Deine Eingeweide mit den Kühlerfarben des nächsten Jeepneys harmonieren. Einfach mitten durch’s hier und jetzt und durch. Nicht schauen. Funktioniert immer. Und nichts anderes.

Ich mag die Philippinische Mentalität. Eine tiefe Gelassenheit, aber gleichzeitig starke Präsenz. Viele heftige Augen. Das heisst, halt! Es gibt Ausnahmen. Das Ocean Jet Speedboat nimmt für die 80 km rüber nach Siquijor fünf mal soviel wie andere Fähren und halb soviel wie ein Flug quer über die ganzen Philippinen. Ich versteh das Prinzip: „Nehmt sie heute aus, ein zweites Mal fahren sie garantiert nicht mit uns.“ Aber ich mag es trotzdem nicht. Vor allem dann nicht, als der blöde Checkin-Schlumpf nochmal 200 Pesos extra für’s Kiteboard verlangt.

Gute Sachen passieren immer zufällig, Vielleicht kann man sich darum bemühen, keine Ahnung. Die nächste Hütte liegt am Rand von nirgendwo. Nicht mal in Siquijor Village gibt’s eine Bar. Aber wir fahren noch 15 km weiter ins Islanders Paradise Beach. Am Rand vom Wasser. Ich geh zur nächsten Hütte. Finde endlich Reisende, ein gezodeltes Normannen-Pärchen. An der eigentlich schon lange geschlossenen Bar gibt‘ San Miguel Starkbier in Maß-Flaschen.

Als diese nach der dritten Nach-Sperrstunde-Order aus sind, widmen wir uns in einem Hagel von Sternschnuppen Sir Tanduhay. Das Meer rauscht. Blowin in the Wind aus dem Laptop. Fledermüse kreisen vor den Blitzen entfernter Gewitter. Wind zieht auf. Der Mond scheint. Morgen wird ein verdammt guter Tag. Ich weiss es. Bin ja kein Philippino.



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