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Sibuyan Soder-Schedl

Sibuiyan ist eine Insel voll ab vom Schuss. Mitten in den Visayas, aber schwer zu erreichen. War schon immer so. In der letzten Eiszeit abgeschnitten von allen anderen Teilen der Philippinen gibt es hier heute viele endemische Arten. Manche sind schwer zu finden, andere unübersehbar. Heute schreibe ich über eine dieser Lebensformen: den Sibuyan Soder-Schedl.

Er quatscht den ganzen Tag ausnahmslos gequirlten Bockmist. Dem ersten Vertreter dieser Gattung trafen wir schon Tags zuvor im Romblon Deli. Wir fragten nicht nach seiner Meinung. Er sagte sie uns trotzdem. Natürlich lagen wir mit der unseren vollkommen falsch. Auf der Fähre am nächsten Morgen macht er das nochmal ganz klar. Ich mime Seekrankheit, um dem Schwall seiner Worte zu entkommen.

Erfreut ob der geglückten Selbstrettung fahren wir voll neuen Lebensmuts zur ersten Unterkunft in Magdiwan. Da hockt schon wieder so ein Soder-Schedl, und zwar ein echtes Prachtexemplar. Durch das Dickicht einer Zimmerpflanze erspähe ich ihn am Futtertrog sitzend, noch bevor er zu seiner charakteristischen Akustik-Müll-Attacke ansetzen kann. Max muss da noch etwas lernen. Soder-Schedl bloss nie was fragen, und erst recht nix antworten!

Zu spät! Soder-Schedl meint sofort, er wäre jetzt in sowas wie beidseits anregende Kommunikation integriert. Weit gefehlt! Warum? Ich versuche es mit einigen “Gesprächs”-Fetzen. Soder-Schedl: “Hier auf Sibuyan laufen ganz viel gescheiterte Existenzen aus Deutschland rum. Denken sich einfach ‘wird schon’, aber so einfach ist das nicht. Ich hab meine Hausaufgaben gemacht und genug Geld mitgebracht. Die anderen Deutschen mag ich nicht.”. Ich: “Ah ja?”.

Soder-Schädel: “Zigaretten sind hier viel billiger als daheim.” Ich zünde mir schweigend die zweite Kippe an. Soder-Schädel: “Die Straßen hier kann man gar nicht vergleichen mit den Deutschen.”. Ich: “Aha…”. Er: “Mount Guinting-Guinting zu besteigen ist sehr anstregend. Vom Gipfel aus kann man aber fünf weitere Inseln sehen. [20 weitere wertvolle Tipps] Ich selber war aber noch nie oben.” Echt drollig, dieser Soder-Schedl. Was passiert eigentlich, wenn man ihn am Ohr zieht?

Das größte Handicap des Sibuyan Soder-Schedl ist jedoch seine komplette Unfähigkeit, jegliche Körpersprache oder auffallend knapp artikulierte Antworten zu deuten. Schlimmer noch: Deren Abwesenheit stachelt ihn an wie den Stier der Bandillo im Nacken. Soder-Schedl: “Von Fiestas halte ich mich fern, da wird man hier gerne mal erschlagen. Auch wenn man betrunken ein Kind überfährt, will die Polizei lieber nix machen. Die sagt dann ‘Schau, die Familie ist arm und hat viele Kinder’. Dann zahlst du halt mal 900 Euro und die Sache passt wieder.”.

Soder-Schedl war Söldner in Rhodesien? Mir egal! Ich bring ihn hier und jetzt mit blossen Händen zum schweigen! Wer hätte je gedacht, dass akustischer Müll so dermaßen verstrahlt? Save the planet! Ich pirsche mich von hinten an Sibuyan Soder-Schedl heran, der Wind seiner wertlosen Worte steht günstig, meine Hände sind bereits fast auf seinem Mund …da klingelt das Telefon des Philippinos am Tisch. Unsere Bikes sind da. Nichts wie weg!

Auf freien Wegen ohne Akustikmüll lässt sich trotz Staub gleich viel freier atmen. Unsere Bikes sind akustisch betrachtet eher Flaks auf Rädern – doch egal wie laut sie knattern, nach Sibuyan Soder-Schädel schnurren sie ganz wunderbar leise. Wir fahren in den Dschungel vor Mount Guinting-Guinting. Am Ende der extrem rutschigen Lehmpiste befindet sich ein 1999 mit Fördermitteln erbautes Besucherzentrum. Es ist vollkommen leer und verfällt. Der letzte Eintrag im Gästebuch ist von 2008.

Von hier aus beginnt eine der schwersten Bergtouren der Philippinen. Mount Guinting-Guinting ist gerade mal 2050 m hoch – aber der Aufstieg derb. Wir folgen dem Pfad nur zwei Kilometer durch den Dschungel. Es hat tagelang geregnet. Matsch, Pfützen, Flüsse, Lianen, Urwald, Dampf, Grätsch-Hüpf-Schritt über Schlammkanäle. Nach einer Stunde reicht’s mir. Wir sind noch nicht mal bei der ersten wirklichen Steigung. Den Rückweg finden wir nur, weil Max jede der 20 absolut gleich ausschauenden Abzweigungen fotografierte.

Weiter an der Ostküste nach Süden. Eine große Fiesta. Mein Motor stottert. Eine Parade. Mein Motor stottert schlimmer. Pampa. Mein Motor geht aus. Max fährt noch weiter, ich kehre um. Der Motor zickt immer mehr, bis er irgendwann gar nicht mehr angeht. Ich pumpe den Tank ab, ein Philippino vermutete Wasser als Streckmittel. Das neue Benzin bringt mich noch einen Kilometer weiter, dann geht auch trotz Schieben nichts mehr. Ich bin 30km Schotterpist von meinem Bett entfernt. Im Schweisse meines Angesichts verfluche ich lautstark Sibuyan Soder-Schedl, den Mann der Vermieterin.



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