Chicken oder Ficken?

1311
2011
So
23:55
Tag
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Um sechs Uhr morgens brechen wir auf. Bis dahin habe ich bereits drei Stunden vergeblich versucht, mein Handy als Laptop-Modem zu nutzen. Globe blockiert das Handy, sobald es am Laptop hängt. Nichts frustet Webdesigner mehr, als keine Verbindung zu haben. Das Omen eines Tagesmottos klopft an die Tür.

Wir fahren zum nahgelegenen alten Sommerhaus der Marcos. Noch geschlossen – und wirklich komplett wolkenverhangen. Wir rollen wieder runter in den Vulkankrater des Taal-Sees. Keine Straße in ganz Talisay führt ans Ufer für ein schönes Frühstück. Wir essen im Auto. Stopp an einem Einkaufszentrum. Eine halbe Stunde später macht es auf, und zwei nette Angestellte vergeuden eineinhalb Stunden vergeblich damit, mein Handy mit neuer Smart Simcard ins Internet zu schleudern.

Weiter nach Pagsanjan. Hundert Plakate am Straßenrand warnen vor Drückern. Kaum angekommen stürzen Sie sich auf uns. An jeder Kreuzung muss man stoppen – oder vier bis fünf Drücker auf einen Streich erlegen. Zwei folgen uns am Mopped einige Kilometer aus der Stadt raus, klopfen ans Fenster, werden von einem entgegenkommenden Truck beinahe gerammt und rasen dann wieder hinter uns her in die Stadt zurück.

Die Raftingtouren zum Wasserfall soll man nur im Tourist Office buchen, schreibt der Führer. Genau dahin zerren mich wundersamerweise die Drücker nun, kaum dass ich das Auto verlassen habe. Vor zwei Jahren war der Preis für’s Rafting schon gesalzen – jetzt sind sie nochmal gute 50% höher. Auf dem Rückweg kommt noch ein Drücker. Ich schreie ihn an „I DONT NEED NO HELP!“. Auch das hilft nicht. Er klopft 15 Minuten lang spastisch an die Autoscheibe, während wir im Navi planen, wie wir am schnellsten von hier wegkommen. Ich bin die Discovery, und meine Dichtungsringe zerreisst’s gleich.

Das Navi schickt uns erst nach Süden, dann nach Norden, später auf inexistente Straßen und gibt zuguterletzt 20 km vor der „Stadtgrenze“ Manilas den energetischen Geist auf. Da fahren wir bereits seit 50 km im endlosen Moloch aus gnadenlos überfüllten Straßen. In ganz Luzon scheint es keinen Wechsel zu geben. Alles ist eine unendliche öde lange Siedlungs-Wüste aus hingeschissenen Vorstädten und Straßendörfern. Jeder nimmt sich die Vorfahrt und gibt den Platz, den er nicht hat.

Für fünf Kilometer durch Manila brauchte ich gestern mit Navi 1,5h. Rechenfrage: Wie lange braucht Frank heute ohne Navi für die vollen 40 km von Süd nach Nord nach bisher sechs Stunden erlebnisloser Frustfahrt? Frank will’s nicht wissen. Wir nehmen den Southern Expressway. Wenn man das Philippinische Durchschnittseinkommen mit dem deutschen relationiert, dann kostet sie jeder Kilometer 50 Cent Maut. Für uns sind’s 10 Cent – und die zahlen wir heute mehr als gerne, wir wollen nur möglichst schnell weg nach Norden.

Der Southern Expressway ist ein Gigant auf zwei Stöcken in sechs Spuren. Und direkt vor dem Zentrum löst er sich plötzlich im Chaos auf. Wir haben kein Navi, nur eine kleine schlechte Karte. Drei Spuren links, viereinhalb rechts. Ein Polizist winkt Fahrer bei Rot über die Ampel. Andere Kreuzungen haben weder Ampel noch Polizist, nur vier Richtungen und drei Fahrbahnen. Auf der Gegenspur rast ein geisterfahrender Feuerwehr-Löschzug mit winkenden Männern auf dem Dach einem am Horizont ersichtlichen Großbrand entgegen. Die Straßen Manilas vermögen Beziehungen binnen Sekunden zu atomisieren. Uli lotst mich sauber duch die Hölle, wir stänkern nur einmal kurz.

Ich wurde oft gewarnt, auch von Menschen die schon hier waren: „Fahre nicht selber auf den Philippinen!“. Erfahren ist glauben. Die Philippinen sind fahrtechnisch das drittgrausamste Land weltweit – nach den bis zum LKW-Kühler auf ihre eigene Unsterblichkeit pochenden Vietnamesen und den sturzbesoffen lichtlos durch die schwarze Samstagnacht rasenden Dominikanern.

Die letzten zwei Stunden Richtung 100 Islands National Park geht’s heute ebenso durch schwärzeste Nacht. Unbeleuchtete Trikes, Hund von rechts, Rammversuch von links, Fussgänger in der Mitte, Schlagloch 50 cm. Einbahnstraßen rückwärts durch ein bis zum Bersten gefülltes Stadtzentrum. Verfahren, umkehren, fragen, weiter. Um acht Uhr abends vollkommen alle aber immernoch nicht am Ziel. Für 300 km benötigen wir zehn Stunden. 100 km davon waren Autobahn. Ich bin gefahren wie der Henker.

Das nächstbeste Dreckshotel muss reichen. Neben dem Bett hängt ein Pornospiegel. Rein, duschen, raus. Essen suchen. Im ersten Schuppen auf der anderen Straßenseite liegt als einzige Option ein fliegenübersäter drei Tage alter Fisch. Das zweite Restaurant hat zu. Das dritte ist ein Puff. Ich komme gerade noch dazu, kreative Werbesprüche zu erdenken: „Chicken oder Ficken?“ – Da kommt auch schon die Puffmutter und verkündet: „Chicken ist aus!“.

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3 Comments

tommykrebs

erinnert immer mehr an balis strassen…haha… nirgendwo war das fahren so relaxed wie in den usa. sorry habe immer noch nur eine hand frei…

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