Riobamba & Chimborazo

0311
2017
Fr
21:05
Tag
3801
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Am Nationalfeiertag geht es über Ecuadors zweitgrößte Stadt wieder gute 2.700 Höhenmeter und zehn Stunden mit dem Bus rauf vom Pazifik in die Anden. Beim Umsteigen am Terminal Guayaquil fliege ich durch Zehntausende in unendlichen Schlangen vor den Schaltern stehenden Ecuadorianern.

Unter 20 km/h stürmen ganze Armaden von fliegenden Händlern den Bus vorbei am Schild „Prohibido Vendedores / Comida“. Die Wolken hängen tief über den steilen Hängen der Westanden. Dann durchbrechen wir die oberste Schicht und die Sonne strahlt über endlose Hochgebirgstäler und Vulkane. Ich bin hier verabredet mit einer äußerst vielseitigen Designerin aus Quito.

Früh am ersten Morgen fahen wir mit dem Bus eine gute Stunde zum höchsten Vulkan Ecuadors, dem 6.268 m hohen Chimborazo. Seine sonst oft von Wolken verdeckte mächtige Gletscherkappe strahlt heute in absolutem Kaiserwetter. Der öffentliche Bus setzt uns auf 4000 m an der Chimborazo Lodge ab. Mit einem Truck geht es eine halbe Stunde weiter an wilden Pecunhas vorbei bis zur ersten Hütte auf 4.800 m. Am Parkplatz davor räubert ein Wolf gerade Futter.

Wir sind mit die ersten und machen uns sofort an die bescheidenen 250 Höhenmeter Aufstieg bis hinauf zur zweiten Hütte. Für den technisch einfachen Weg brauchen wir fast zwei Stunden. Noch nie waren Schritte so klein. Sogar die Designerin aus Quito – gewohnt an ein Leben auf 2.800 Höhenmetern – dreht es ordentlich zusammen. Ich verleihe ihr den Ehrentitel „Quiteña Lama“. Offensichtlich bin ich jetzt immun gegen Höhenkrankheit. Noch nicht mal meine +5.000 Höhenmetern binnen 30 Stunden reizen sie zu einer Attacke. Oben angekommen strahlt der nahe Gletscher unter treibenden Wolkenfetzen über unsere Coca-Tees auf 5.042 m. Der höchste Punkt zweier Leben. Pures Glück.

Wir fliehen vor den jetzt in Massen am Feiertag auf den Vulkan strömenden Ecuadorianern. Der Unterschied in der Ausrüstung könnte für einen Bayern nicht lustiger sein. Eine typische Deutsche Bergjungfrau legt sich für die Drittbesteigung des benachbarten hundert-Meter-Hügels eisfeste Hochgebirgsstiefel für 500 Euro zu. In Ecuador steigen die Menschen mit Flipflops und faschingstauglichen Kostümen auf über 5.000 Meter. Die mit den Flipflops kommen oben an, viele mit guten Stiefeln kleben bei unserem Abstieg japsend am Wegesrand, einer kotzt später aus dem Auto. Ein Jeep bringt uns auf der Ladefläche durch Staubwolken wieder nach unten.

Riobamba liegt auf 2.750 Metern zwischen schneebedeckten Andengipfeln und ist Ausgangspunkt einger der bis zu 5.000 $ teuren Luxusreisen in alten Dampfzügen. Die Homepage von „Tren Ecuador“ ist superstylish, aber deren Webesigner ein Vollpfosten: Buchungen sind unmöglich. Krönung meiner dreitägigen vergeblichen Buchungsversuche ist der arrogante Stationsvorsteher von Riobamba. Dieses Prachtexemplar eines Flachbahnwichsers gedeiht offensichtlich ganz hervorragend auch in dieser Höhe.

Wir bespaßen uns stattdessen erfolgreich mit der Suche nach einer Nagelschere. Ecuadorianer lieben Klippser. Ich Scheren. Zwei Einwegscheren und zehn Taxis später kennen wir die gesamte Stadt. Hundert Hunde bellen mich in den Schlaf.

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Ein Kommentar

  • Paty Burgos schreibt am Montag, 6.11.2017 um 2:55 Uhr:

    Muy bien contada la historia Frank… (Y)

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