Quito

2510
2017
Mi
23:47
Tag
3792
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Nachts schaut Quito aus wie ein über stürmische Bergwellen ausgekippter Weihnachtsbaum. Tausende Lichter glitzern über Täler und Berge. Die Häuser klammern sich an Neigungen, denen der TÜV bei uns sogar die Abnahme als Wasserrutsche verweigern würde. Die Überfahrt vom auf fast 3.000 m gelegenen Flughafen ins Zentrum mit Bus und Taxi durch einen einzigen 20 km langen Riesenstau dauert mehr als eineinhalb Stunden.

Mein Hostel ist klein und fein und liegt mitten zwischen Altstadt und neuem Zentrum. El Cafecito serviert besten Hochlandcafe aus eigenem Anbau. Ich bin vier Tage lang der einzige Gast. Das Feuer knistert im Kamin. Alte Jazz Sounds katapultieren mich nach 23 Stunden Anreise schnell ins Bett.

Ich liebe es nach Westen zu reisen. Das ergibt bei Interkontinentalflügen immer eine perfekte Tageslänge von um die 30 Stunden. Um sechs Uhr morgens wandere ich topfit direkt ins vier Kilometer südlich gelegene Centro Historico mit seiner Kolonialarchitektur. Ecudorianos lieben den Sport, überall fuchteln sie schon früh morgens durch die zahlreichen Open-Air-Gyms. Gegen Online-Registrierung bietet Quito auch überall gratis Räder an. Die nutzt jedoch keiner. Eine durchschnittlichen Straßenneigung von um die 30° ist vermutlich auch Ecuadorianern einfach zu sportiv. Schon das Gehen auf 2.900m fällt schwer. Beim Fotografieren halte ich anscheinend schon immer die Luft an. Hier fällt es mir zum ersten Mal auf. 30 Sekunden lang, nach jedem Bild.

Am frühen Vormittag reißt die Wolkendecke auf und Quito erstrahlt unter einem unendlich weiten blauen Kaiserhimmel. 20 km südlich vom Äquator erkennt man einen Idioten daran, daß er die Sonnencreme wegen morgendlicher Bewölkung daheim lässt. Nach gerade mal einer Stunde habe ich den Sonnebrand meines Lebens. Auf der Plaza Central vor dem Präsidentenpalast verleihen mir zwei Quiteños breit grinsend den Ehrentitel „El Colorado“.

Vor dem Palast demonstrieren einige Indios lautstark gegen den Präsidenten. Poster fragen nach dem Verbleib zahlreicher verschwundener Aktivisten. Die Ecuadorianos lieben ihren Präsidenten. Oder sie hassen ihn. Dazwischen gibt’s praktisch nichts. Der Merkel-Effekt ist wohl eine weltweite Modeerscheinung. Die überall in Unmengen präsente Polizei rollt auf Segways permanent um den Platz und scheucht sysiphös fliegenden Händler mit Trillerpfeifen vor sich her. An anderen Stellen halten sie aufs schwerste sinnüberladene Umfragen ab: „De donde estas?“. – „Alemaña.“. Fertig. Passnummer ist egal, aber Unterschrift unglaublich wichtig.

Ich steige 200 Meter auf den Mirador Panecillo. Schon zur Halbzeit schreit die Lunge nach einem Taxi. Die Luft ist dünn und – sobald einer der Dampflock-artigen Busse vorbeifährt – gleichzeitig verdammt dick. Noch nicht mal von hier oben kann man die angeblich gerade mal 4 Millionen Einwohner zählende Großstadt ganz überblicken. Tsunamis aus Hochhäusern, kolonialer Architektur und Armenvierteln erstrecken sich bis zum unendlichen Horizont.

Auf dem Rückweg besuche ich einige koloniale Kirchen. Davon gibt’s hier Unmengen. Die Spanier hatten wenig Probleme damit, die Indios in ihren Minen bis zum Tod auszubeuten. Auch sie zum „richtigen“ Glauben zu bekehren war ein Muss. Aber mit ihnen in die gleiche Kirche zu gehen und einen Gott anzubeten der die Vernichtung alles anderen Lebens „befahl“ – das war dann wohl doch ein bisschen zuviel verlangt von den sonst weniger zart beseiteten Conquistadores. Folge? Indio Tempel plattwalzen, Kirche drauf, aus die Maus.

Nach vier Stunden im Centro Historico bin ich recht platt. Aber es gibt ja auch noch zahlreiche Gratis-Touren. Ich entscheide mich für die richtige. Der Import-Ecuadorianer mit Abschluss in Tourismus ist äusserst vielseitig interessiert und plättet uns wahrhaftig mit einer nie dagewesenen vierstündigen Megatour. Geschichte, Kultur, Ethnologie, Küche, Geologie, Religion, Architektur, Politik. Die Banco Central de Ecuador wurde gegen 1880 von einer der reichsten und wohl auch korruptesten Familien Quitos erbaut. Unser Führer kennt den Wachmann, und schwupps sind wir im privaten Art-Deco Salon im Obergeschoss. Genau hier feuert er in einem halbstündigen Wirtschaftsreferat eine volle Breitseite gegen den Präsidenten, Korruption und den Imperialismus. Bester Platz dafür – und mein absolutes Highlight. Die Tour gibts über das Community-Hostel.

Quito ist mal wieder eine dieser Städte, vor denen du auf so unglaublich vielen Arten gewarnt wirst, daß die Realität nichts anderes als „enttäuschen“ kann. Ok, zumindest im innerstädtischen Bus sollte man den Rucksack wirklich immer vorne tragen. Ich hab einige Schlitzer gesehen und einem sogar die Tour versaut. Aber sonst? Kein Taxifahrer hat mich je versucht abzuzocken. Ich wurde selten bebettelt, nicht beklaut und nur ein paar mal bei Weg-Nachfragen verarscht. Ich habe mich nirgends unsicher gefühlt, auch nicht in dunklen Gassen abseits der großen Pfade. Augen offen halten und ans Gute glauben versaut einem deutlich weniger das Reisen als permanente Angst. Gracias, Quito!

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