Panamericana III, km 1.600 : Cuenca

0711
2017
Di
8:11
Tag
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Lateinamerika ist der Kontinent mit den meisten Morden, dem tiefsten Schmerz und heftigstem Leid. Doch gerade hier laufen in jedem Überlandbus die blutrünstigsten Metzler der Filmgeschichte. Auf den ersten Blick mag das etwas verstören. Doch wird der Lenker erst zum Henker ist die Lösung des Mysteriums sofort klar.

Die in jedem Bus verbaute hermetisch blickdichte Trennwand zwischen Fahrgästen und Lenker/Henker dient nicht dem Schutz des letzteren, wie z.B. in Flugzeugen. Sie ist eine Manifestation der Humanität. Ähnlich der Augenbinde der Verurteilten soll sie einzig den Blick der Fahrgäste auf das vor ihnen liegende Schicksal verbauen.

Der Henker heizt den Bus in einem irren Tempo über die siebenstündige Achterbahn von Riobamba runter nach Cusco. Der Widescreen TV an der Trennwand kaschiert gekonnt alles Bus-Schnaufen, Bremsen, Quietschen und Hupen mit „Krach! Bumm! Peng! Ärks!“. Dann mokiert sich die alte Señora neben mir beim Steward, ob er denn nicht auch mal was anderes als diese nervtötenden Ballerfilme spielen könne. Sie hätte Lust auf etwas mit „Amor“. Ich grinse – und gleichzeitig bekomme ich Angst. Kann Liebe genauso gut vom Fahrstil des Henkers ablenken wie der durch hundertfach erprobte Ballerfilme und immer wieder erfolgreich vermittelte Fatalismus Marke „Irgendwann stirbt jeder.“?

Als erstes fällt mir auf, daß Ecudorianer bei Ballerfilmen anscheinend deutlich besser schlafen als bei Liebesfilmen. Fast der ganze Bus ist wach, ein bis dato niemals erreichter Spitzenwert. Ich genieße den Ausblick aus dem Seitenfenster. Ecuador wird Richtung südlicher Sierra immer mehr zum Auenland. Als  plötzlich ein fetter Truck mit 20 cm Seitenabstand von vorne in die Szenerie stößt, sagt die Heldin des Liebesfilms gerade „Ich würde dich jetzt gerne küssen.“.

Ich klammere mich bloggend an den Laptop. Ecuadorianische Andenkurven haben es in sich. Auch wenn die breiten bequemen Sitze um bis zu 45° nach hinten geklappt werden können: die Reibungskraft alleine reicht oft nicht mehr aus zur Aufrechterhaltung der Sitzordnung. Busfahren ist hier Motorsport: Kurve links – rechtes Bein raus, drücken – Kurve rechts – an der Armlehne festkrallen. Ecuadorianer machen das alles im Schlaf. Das ist nicht sprichwörtlich gemeint! Sie bewegen wirklich ihre Beine nach links und rechts gegen die Fliehkraft – im Schlaf!

Mich würde es noch nicht mal verwundern, wenn es einer von ihnen fertigbrächte im Schlaf den Geldbeutel zu zücken, Geld abzuzählen, Essen bei einem der fliegenden Händler zu kaufen – und schnarchend zu verspeisen. Wir wissen nicht, wann die ersten Astronauten auf die lange Kälteschlaf-Reise zu anderen Sternen geschickt werden. Aber eines ist gewiss: es werden Ecuadorianer sein.

Beim Zwischenstop verwirrt mich der Busfahrer etwas. Ja, wir sind ganz nahe bei der „Nariz del diablo“ – einer legendär steilen Zugstrecke. Ja, Ecuadorianer sind streng gläubige Katholiken. Aber erst mit Ballerfilmen Fatalismus predigen, und dann Holzpflöcke hinter alle Busreifen zu schieben – das geht in meinem Schädel irgendwie gar nicht zusammen.

Im Sonnenuntergang über Cusco frage ich mich, warum es nur 200 m tiefer liegt als Riobamba. Es fühlte sich eher nach 3.000 m an. Andererseits starten Achterbahnen angeblich relativ häufig von der gleichen Höhe auf der sie ankamen.

Das Hostel „El Cafecito“ in Cuenca (ja, es gibt auch in Quito eines) ist ein absoluter Volltreffer. Ein altes Herrenaus am Rande des Stadtkerns mit edlen Holzböden, deluxe-Ensuite-Badezimmern und hohen Räumen werden gekrönt von einem vielgereisten guten Chef auf der Dachterrasse mit Blick über ganz Cuenca. Abends wird immer gemeinsam an einem Tisch ein gutes mehrgängiges Menü verspeist, die Handies bleiben aus und jeder wird aktiv genötigt sich mit den anderen zu beschäftigen – explizit ohne „ich war da und da“-Gelaber. Like.

Cuenca ist reicher als Quito. Auch hier sind die Häuser nicht fertig, aber zumindest vollendeter. Die Menschen tragen teurere Klamotten und dickere Autos verpesten die Luft noch schlimmer als in Quito. Die historischen Gebäude im Stadtkern werden besser gepflegt. Der ganze Kolonialstil wurde gekonnt mit ein paar Neugotische Gebäuden, Klassizismus, einem Löffel Barock und einer Prise Art Deco gewürzt.

Abends versammeln sich die vermeintlichen Reise-Schafe auf der Dachterrasse. Die Twenty-Somethings arbeiten rechtschaffen als Ärzte, Journalisten oder Volunteers. Gerade als ich mich freue, daß es in Ecuador scheinbar deutlich einfacher ist, nicht immer an beiden Enden gleichzeitig zu brennen, setzt die Herde zum allseits beliebten Drogen/Schwanzvergleich an. Eine Maske nach der anderen fällt. Ich bin fast doppelt so alt, hab vermutlich dreimal soviele Geschichten und gerade deswegen überhaupt keine Lust, diese zu teilen. Außerdem wird es mir von zwei parallel und gegenläufig kreisend gerauchten Joints immer schwindelig, und Koks-Geschichten gehen mir prinzipiell auf den Sack. Ich gehe früh und gelangweilt ins Bett.

Auf meinen letzten Tagen zwischen 2.500 und 5.000 m scheint mich die Höhenkrankheit doch noch überholt zu  haben. Kaum wird der Atem ruhiger und ich döse ein meldet die Lunge „Alarm! Zu wenig Luft! Erstickungstod!“ – und ich bin keuchend wieder hellwach. 50 mal. Der weise schwarze Hostelchef meint das wäre keine Höhenkrankheit, sondern „Anxiety“. Ich trau mich das Wort jetzt nicht nachschlagen, also setze mich um zwei Uhr nachts hin und fange an zu schreiben. Daheim stirbt gerade jemand an Lungenkrebs. Wir haben uns seit 30 Jahren nicht gesehen. Ich bin Webdesigner. Links gibt es nur im Internet, und die Provinzen Ecudors sind nach ihren Vulkanen benannt. Gracias y adios, Ecuador!

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3 Kommentare

  • Paty Burgos schreibt am Mittwoch, 8.11.2017 um 4:34 Uhr:

    Los conductores de Ecuador son una „raza“ especial de animal salvaje…y lo has notado. Si Cuenca muy europea por su exitoso comercio con los sombreros „Panama hat“ que deberian ser „Ecuador hat“ y también la influencia de la migración que hace posible una mejor inversión en arquitectura. Los animales típicos siempre tan particulares y especiales. Suerte en tu próxima estación!

  • Carin Woelky schreibt am Donnerstag, 9.11.2017 um 9:03 Uhr:

    Einmalig!!! Nicht zu übertreffen

  • Fischer Jörg schreibt am Sonntag, 12.11.2017 um 11:00 Uhr:

    Hallo Frank, wie immer eine Reisebeschreibung die in ein Buch -zumindest in ein Kiteheft (irgendwann geht’s ja wohl mit kiten los) gehört!
    Lass Dir’s gut gehen und liebe Grüße. Jörg

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