Puerto Montt & Chiloé

0501
2018
Fr
23:15
Tag
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Puerto Montt ist die letzte große Stadt auf den nächsten 1.000 km in den wilden Süden Patagoniens. Der Wind dreht auf die ungewöhnliche Richtung Nord, und damit voll offshore nach Feuerland. An Kiten ist bei zehn Grad in permanenten Regen nicht zu denken. Ich genieße die letzten Funken Zivilisation mit Star Wars auf Spanisch im Kino. Die Chilenen irritiert mein herzliches Lachen zu Yodas „Los libros, ¿leido has?“.

Mein großer Traum von 2.600 km Schotterpiste Carretera Austral runter bis ans Ende der Welt in Villa Ol’Higgins platzt. Weder die lieben Chilenen in einer großen Facebook Backpacker-Gruppe noch das Aushängen von Gesuchen in zahlreichen Hostels und Tourist Infos bringt etwas. Ich finde keinen zweiten Fahrer und muss wegen gestohlenem Führerschein den Mietwagen abbestellen.

Zwar könnte uch mit den im Süden immer seltener und teurer werdenden Bussen oder Trampen weitermachen, spüre aber auch, daß mir nach fast einem ganzen Kontinent die Luft zum schleppen von 40 kg Ausrüstung einfach ausgeht. Seit zwei Wochen trinke ich Abends lieber allein vor einem Film viel guten Wein, als Geschichten mit anderen Reisenden zu tauschen – oder gar aktiv zu reisen.

Mit Bus und Fähre ziehe ich vier Stunden weiter auf die Insel Chiloé ins schöne Dörfchen Castro. Alte Fischerboote verrotten am Strand, und Pfahlbauten spiegeln sich im spiegelglatten Meer davor. Der Wind ist weg. Alles schaut aus wie Neuseeland, die Bäume, die Farne, die Häuser – nur noch viel härter, nasser, und kälter. Jeder trägt Outdoor-Kleidung, und das Gesicht der Verkäuferin im Bademoden-Shop des lokalen Einkaufszentrum zeugt von einer mittelschweren Depression.

Mit einer mexikanischen Immobilienmaklerin geht es in einer kurzen Regenpause vorbei an tiefblauen Buchten ins historische Dörfchen Chonchi. Eine 100-jährige Holzkirche schimpft sich UNESCO. Die anderen in der harten Witterung ums Überleben kämpfenden Holzhäuser sind  mit ihren rostenden Wellblechdächern, abgesunkenen Fundamenten und kaputten Fenstern viel interessanter. Die Restaurants servieren den Lachs aus den nahen Fischfarmen in atemberaubenden Größen und ohne jegliche Beilagen. In den Fleischereien hängen ganze Rinderhälften im Schaufenster.

Der Nationalpark in Cucao, eine halbe Stunde weiter am Pazifik gelegen, schließt noch bevor wir eine Wanderung starten können. Der Wind spielt fangen mit mir. Wo immer ich ohne Kite hinkomme, bläst er – nähere ich mich der Ausrüstung hört er wieder auf. Fast als wollte er meinen Reisestil imitieren. Aus dem letzten Weiler vor Nirgendwo nimmt uns ein rostiger Truck zurück Richtung Hostel mit. Der Fahrer sagt, er liebe das ruhige Leben hier. Das Radio singt „Eyes without a face“. Draußen stehen nasse Schafe im Regen, drinnen befeuchtet wieder guter Chilenischer Carmenere die Kehlen. Ich bin sehr müde.

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