Pucon

2912
2017
Fr
23:37
Tag
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Die knapp 1.000 km lange Reise von Pichilemu zurück über Santiago und runter nach Pucon an die Grenze von Patagonien stockt etwas. Turbus verschmeisst mein am Vortag gekauftes Onlineticket. Zwei Stunden laufen und in der Zentrale beschweren bringt nichts. Ich muss ein neues Ticket kaufen und nach neun Stunden den letzten Nachtbus nehmen. Zumindest hat so ein Freund aus Pichilemu genug Zeit, meine vergessenen Neoboots nach Santiago zu bringen. Danke!

Die Nacht frisst Kilometer. Am Morgen wache ich in einer anderen Welt auf. Alles ist grün, jeder Baum im Nebelwald wenigstens 100 Jahre alt und die Schafe schauen ob saftigem Gras so fett aus, als würden sie jede Sekunde platzen.

Pucon schimpft sich Zentrum Südchiles. Leider schnallt es nicht, daß es sich gerade mit massig neuen Riesenbunkern im Stil Französischer Skiresorts seinen Charme komplett versaut. Im Zentrum gibt es noch einige kreative kleine Holzbauten voller Restaurants und Künstler, aber die stehen alle auf der roten Liste.

Ich bunkere meine 42 kg im weniger hippiegen Princesa Insolente Hostel, hänge meine Gesuche nach einem zweiten Fahrern für die Carretera Austral in 20 anderen Hostels aus und springe direkt danach ins erste Rafting Boot auf dem unteren Rio Trancura. In leichtem Regen sind Grade III-IV gerade richtig. Eddie Vedder singt „Long Night“.

Ein Drittel aller Bewohner Pucons hat Deutsche Vorfahren. An Zebrastreifen halten BMWs und Audis an, statt dich wie sonst im Norden üblich über den Haufen zu fahren. Die Preise für alles sind eher Schweiz, vor allem Touren, Unterkunft und Essen werden richtig teuer. Angeblich hat Chile 68% der Lebenshaltungskosten von Deutschland. Schwachsinn! Mit im Schnitt 60% für Ecuador, Peru und Bolivien liegt die gleiche Statistik richtig. Chile ist jedoch fast überall auf Niveau Deutschland, in Supermarkt und Restaurant noch deutlich darüber.

Eine Israelin will Meinungen vom Weitgereisten hören. Das ist ungefähr so, als würde dich ein Ami um Haute Cuisine Kochrezepte bitten. Also packe ich lächelnd aus, und lenke dann freudig nach bisher weltweit locker einem Dutzend mit Israelis im Sand verlaufenen – und einmal beinahe in Gin und Blut auf Sand endenden – Diskussionen auf das Palestinenserthema.

Meine „Diskussions“partnerin qualifiziert sich gleich zu Beginn des Gesprächs zum ungescholtenen Einsatz dicker Kanonen. Der Name der Hamas als politische Gegenspieler der Fatach fällt mir kurz nicht ein. Ich bitte um Hilfe. Die Antwort der Israelin lautet „Jihad“.

Mein dezent verblumt dargereichtes Kompliment, daß Juden dank der Untaten unseren Deutschen Nazi-Großvätern nunmehr einfach in Bezug auf Palästina die besten Nazis der Welt seien erkennt sie erwartungsgemäß nicht als solches.

Wir quatschen noch etwas über die Flexibilität von Vorurteilen und Tellerränder. Auch das schnallt sie wieder nicht. Ich verabschiede sie mit den einlullend traurigen Bildern von tatsächlich diesen Sommer in Israel beobachteten jüdischen Pfandflaschen-Sammlern. Damit ist ihre Welt wieder in Ordnung, und meine hochamüsiert.

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