Los Vilos & Valparaiso

2112
2017
Do
23:02
Tag
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Der mittlerweile auch komplett online verfügbare geniale World Kite And Windsurfing Guide ruft das gemütlich kleine Los Vilos als den windigsten pazifischen Kitespot Chiles aus. Vor dem langen flachen Sandstrand brechen zwei Meter Wellen in mächtigen Barrels schön und in guten Abständen.

Nur der Wind fehlt. Aber das ist nicht wichtig. Ich arbeite noch geplättet vom Embalse Puclaro zwei Tage lang liegend beim lieben Couchsurfing Host und Zahnarzt Cristian. Los Vilos wurde schwer getroffen von einem Fischsterben, ausgelöst durch Minen in den nahen Bergen. Viele Einwohner kämpfen in Spielcasinos gegen das Überleben – oder stehen rauchend davor und betteln. Der Rest trinkt sich einfach still im Park liegend zutode.

Chile liebt seine Gesetze. Die Anschnallpflicht in Bussen wird rigoros umgesetzt. Sogar die Drogenspürhunde in den gelegentlichen Kontrollen schnüffeln deutlich genauer, wenn du keinen Gurt benutzt.

An Wahltagen herrscht striktes Alkoholverbot. Nicht nur das Trinken, sogar das Anschauen von Alkohol ist verboten. Auf den Zapfhahn kommt eine Papiertüte, die Spirituosen wandern hinter weihnachtliches Geschenkpapier (Nikolaus mit Glühwein-Nase?), und der Supermarkt verdeckt stolze 30 Laufmeter hinter violettem Tüll.

Anders als in Bolivien ist wählen gehen in Chile keine Pflicht. Früher musste sich Chile zwischen Rotwein, Weisswein und wählen gehen entscheiden. Heute nur noch zwischen schwarz und braun. Das perfekte System zur politischen Kontemplation.

Valparaiso wurde 1906 schwer von einem Erdbeben verwüstet. Die darauf folgende Eröffnung des Panama-Kanals gab der Hafenstadt den Rest. Poeten lieben Reste. Sie bauen damit neue Anfänge. Pablo Nerudas Haus auf einem steilen Hügel ist heute wieder ein architektonisch sehr interessanter Art Deco Rest.

Ich stromere durch entlegene Cerros auf der Suche nach Valparaisos Groove. Gerade als ich ihn hinter der letzten Zahnradbahn zwischen sich an die Hänge krallenden Armenviertel in Form eines halb abgerutschten Holzhauses hinter einigen Morning Glory Blüten meine gefunden zu haben  hält ein komplett abgewrackter Minibus neben mir an.

Der Bäcker Pedro hält meine hierige Groove-Suche mit Spiegelreflex für extrem gefährlich. Er fährt eine Ladung Brote in die – wie er sie nennt -„Favelas“ und bittet mich inbrünstig einzusteigen. Er bringt mich durch die Gefahrenzone, mit all ihren – für den Bewohner einer 2000 Jahre alten aber auch reichlich zutode renovierten Stadt – wunderbar abgefuckten Häuserleichen in wohl sichere, aber auch todlangweilige Gebiete.

Ich schleiche mich über den Markt richtung Hostel-Checkin. Auf den zehn Metern zwischen Kirschen, Oliven und Essig-Zwiebeln passiert es. Ich hab den Geldbeutel eine Minute nicht in der vorderen Brusttasche, sondern offen seitlich. Am zweiten Marktstand ist er weg.

Nach zehn Jahren Reisen ist es das erste Mal, dass mir was wichtiges gestohlen wird: 250 €, Gleitschirmlizenz, Tauchschein, Kiteschein, zwei Kreditkarten, und am schlimmsten: mein Führerschein. Bye bye Roadtrip to Patagonia im Mietwagen!

Ich hab vor der Tour noch kurz überlegt: Geldbeutel im Hostel einsperren? – und bin dann mit allem losgezogen, denn mir passiert ja eh nie etwas, auf keiner Reise. Heute schon. Ich könnte mich ärgern. Noch mehr freue ich mich aber, dass der Pass und meine dritte Kreditkarte im Hostel Locker liegen.

Ich besorg mir bei der PDI neue Ausreisepapiere. Danach schicken mich ein Dutzend Chilenen zwei Stunden lang auf der Suche nach der einzigen (Scotia!) Bank, die keine sieben Euro Gebühren kassiert von Pontius nach Pilatus. Am Ende tragen meine Schuhe 40 Blöcke und vier Busse im Profil – plus sieben Euro Bankgebühren.

Ich habe heute einiges verloren. Das gilt es zu feiern. Ich schmeiss vier Liter Wein auf den Hostel-Tisch und schütte mich mal einfach so richtig gepflegt mit irrelevanten Reise-Nicht-Gefährten zu.

Heute ist mir egal, daß kaum ein Freund meine gute Geschichten liest. Auch die toten Sterne rechts vom Text können mich mal.

Die langsamen Supermarktkassen-Schlampen mögen jeden Kackmist in fünf Plastiktüten wickeln! Die Welt soll heute einfach mal so richtig schön langsam an ihrem Müll ersticken, so als würde Michael Hutchence die letzte Palme schütteln. Diese Nachtbus Tüdelüt-Klick-Klick Partyhandy Flachbahnwichser! Es geht mir am Arsch vorbei. Und das ist auch mal gut so.

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4 Kommentare

  • Kerstin schreibt am Samstag, 23.12.2017 um 9:00 Uhr:

    Angenehmer Unterton in diesem Text. Die typische Gelassenheit ob egal welcher Umstände die man beim Reisen in solchen Ländern annimmt.
    Der Tauchscheon ist nicht schlimm, die finden dich ja online. Ist das beim Kiten etc auch so?
    Führerschein ist tatsächlich Mist. Hast du eine Kopie? Oder kannst du telefonisch einen neuen beantragen, vielleicht einen vorläufigen damit es schneller geht, und jemand schickt dir ein Foto?
    Alles Liebe und gib auf dich Acht!

  • ff-webdesigner schreibt am Samstag, 23.12.2017 um 15:18 Uhr:

    Deutsche Botschaft macht nach Weihnachten Stempel auf Führerschein Kopie. Brauch halt zwei mal 6h Bus weil ich da schon n gutes Stück südlich in Pichilemu bin. Ggf. akzeptiert das dann die Mietwagenfirma….

  • miguel schreibt am Samstag, 23.12.2017 um 21:23 Uhr:

    Kenn ich ! …nur ohne 3.Kreditkarte ;-) Suerte!

  • ff-webdesigner schreibt am Samstag, 23.12.2017 um 21:28 Uhr:

    Shit … das is dann ne Stufe härter…aber ich trau mich wetten dass Du nie wieder mit allen Kredikarten in einer Tasche reisen wirst…

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