km 7.557: Lost @ Atacama Desert

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2017
Mi
21:32
Tag
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Der Bus rast ganze zwei Höhenkilometer aus dem Hochgebirge der Anden runter. Auf der 40 km langen Abfahrt über die sanften Flanken des Vulkans Licancabur lasse ich die Hosen runter und wackel der Höhenkrankheit mit blankem Hintern ins Gesicht. Alles wird anders! Die Chilenen kotzt das Hochgebirge dermaßen an, daß sie die Grenzkontrolle 40 km hinter selbige verlegt haben, direkt an den Eingang von San Pedro de Atacama.

Dicke Luft ist toll! Hunde, die nicht wie Resident Evil ausschauen – oder agieren! Sonne, Hitze, und dazu kein Regen – das gab’s wochenlang nicht! Stühle, die den Namen verdienen. Toiletten mit Klopapier! Auf Rollen! Besteck aus Edelstahl statt Stanzblech, und Porzellan statt Plastik. Gewürze! Guter Wein! Sogar der Dreck ist sauberer in Chile. Elend adé! Kultur olé!

Mir ist oft einiges zuviel. Selten etwas zu wenig. Vor allem Bolivien schaffte immer wieder letzteres. Es war wie eine Prüfung: mit wie wenig kannst du? Konto, Geschmacksnerven und Bequemlichkeit sagten: verdammt wenig. Chile antwortet lauthals lachend: „Keine Sorge, das ändern wir jetzt radikal!“. Recht hat es. Die Preise steigen um den Faktor zwei bis drei, alle ATMs nehmen 7 € Gebühren, und rauchen ist sogar auf Freisitzen generell verboten.

San Pedro de Atacama hat gerade mal 3.500 Einwohner – und 10.000 Touristen. Hier liegt die vorderste Front der Tourifizierung. Charly schiesst mit striktem öffentlichem Alkoholverbot und Sperrstunde ab Mitternacht. Die GIs der Bar direkt neben meinem Dorm kontern durch Dezibel-Kompression („Kürzer? Dann halt lauter!“) und akustische Folter („Ihr dachtet letztes Jahr wäre die Musik scheisse gewesen?“). Ich genieße die Schlacht. Man kämpft hier um mehr als das nackte Überleben. Zu solchen Schlachten darf man grinsen. Das Hostel wechsel ich trotzdem.

Webdesign-Arbeit ist der reinste Urlaub nach den letzten Wochen. Ich arbeite zehn Stunden lang im Bett an verschiedenen Homepages, dann fangen die Hummeln im Hintern wieder an zu brummen. Dem wunderbar querdenkenden Piraten Max aus Georgia geht es genauso.

Wir mieten Mountainbikes und brechen um 15:00 bei gut 30°C in die Atacama Wüste auf. Das grüne Tal des San Pedro führt durch rote Felslandschaften nach Norden. Eine alte felsige Minenstraße reicht weiter 250 Hm steil nach oben durch einen alten Tunnel aus den 30ern.

Auf der anderen Seite geht es wieder genausoweit runter in die offene Atacama Wüste. Der Weg führt durch einen roten Canyon. Tiefer Sand bremst dich auf der schnellen Abfahrt immerwieder ruckartig beinahe über den Lenker weg.

Der Rückweg ist anstrengend. Die Felsen auf der Seite sind grob, und auf dem tiefen Sand in der Mitte des Canyons kommt man überhaupt nicht vorwärts. Wir arbeiten uns keuchend nach oben.

Es gibt doch nur diesen einen Canyon. Oder? Wo ist der Fels in der Mitte von der Abfahrt? Die Pferde- und Reifenspuren reichten wirklich so weit nach oben? Ist das der richtige Weg?

Angst macht sich breit. Wenig später Panik. Die Sonne geht in einer Stunde unter. Von den zwei Litern Wasser ist nur noch wenig übrig. Die Atacama ist die trockenste Wüste der Welt, in der Nacht wird es sehr kalt und der Weg ist schon am Tag technisch fordernd.

Mein Handy hat noch etwas Saft, und Maps.me kennt zum Glück diese Trails. Wir sind tatsächlich drei Kilometer weit den falschen Canyon hochgefahren. Dieser Weg hätte uns am Tag unmachbare extra 25 km plus einige Höhenmeter mehr eingebracht. Wir kehren um, finden den richtigen Canyon und schaffen den Aufstieg zum Tunnel unterhalb des alten Passes gerade noch zum Sonnenuntergang.

Die technisch fordernde Abfahrt über den felsigen alten Minenweg ist nach der Panik zuvor die reinste Entspannungsübung. San Pedro de Atacama erreichen wir in der Dunkelheit. Der Verleiher meint wir hätten in unseren fünf Stunden 46 km zurückgelegt. Glaub ich nicht ganz. Aber kernig war’s schon.

Ich hab selten Angst. Heute Panik. Der Ausflug hätte trotzdem niemals in einem Film á la „Into The Wild“ enden können. In Chile sind nämlich selbst in der Wüste, wo du in fünf Stunden vier Menschen und kein Auto siehst Radhelme und Sicherheitswesten Pflicht. Sicherheit ist schon was feines…

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