Titicaca See & Isla del sol

0512
2017
Di
12:22
Tag
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Die Strecke von Cusco ins 530 km entfernt gelegene Copacabana am Titicacasee in Bolivien ist ein echter Road Trip. In der Nacht wäre sie kein Problem, man bräuchte nur einen einzigen Bus. Aber ich will von Peru noch was sehen.

Früh morgens mit Uber zum Cruz Del Sur Raumschiff. Der Weg nach Puno folgt immer der Eisenbahn. Peru Rail ist ein vom Staat konzessioniertes Privatunternehmen, und dem Staat Peru scheinen die eigenen Bewohner völlig egal zu sein.

Peru Rail bedient ausschließlich noch reiche Gringos, alle anderen Angebote wurden eingestellt. Die Strecke Cusco – Puno kostet mit dem Bus-Traumschiff 12,50 € – mit dem Zug wenigstens das 20-fache.

Durch ein unendlich weites, flaches und trockenes Hochtal auf über 3.500 m reise ich stundenlang im bitter armen Südperu. Sogar die sonst allgegenwärtigen Wandfarbe-Sponsorings in Form von Wahlwerbung verschönen nur noch selten die ärmlichen Stampflehm-Hütten.

Unmengen an Plastikmüll garniert Pampagras und spärliches Grün, auf dem an Seile gekettete Schafe, Lamas, Esel und Rinder weiden. Dicke Indio-Frauen mit Melonen und bunten Röcken sitzen dazwischen auf der Erde. Die Bauern bestellen ihre Felder von Hand, wenige Reiche mit Ochsen. Zweimal sehe ich einen Traktor.

In Puno gibt es keine Busse mehr, also TukTuk zum Minivan-Terminal und zwei Stunden Sardinenbüchse in die Peruanische Grenzstadt Yunguyo. Noch ein TukTuk zur nahen Bolivianischen Grenze, stressfreier Übertritt kurz vor Sperrstunde, ein letztes Taxi, und nach nur 12 Stunden und sechs Kutschen bin ich am Ziel.

Die Sonne geht in einem Feuerwerk über dem Titicacasee unter. Das Hostel ist alternativ, das Essen vegan und sehr gut. Bier und Kippen sind sogar draußen verboten. Zu Straight Edge fehlen nur noch „Ficken verboten“-Schilder an den Dormbetten.

Seit Tagen wache ich mitten in der Nacht auf und liege mit Kopfweh und trockenem Mund stundenlang nach Luft schnappend wach. Kaum eingeschlafen geht wieder der „Achtung! Erstickungstod!“-Alarm los. 50 mal, kaum Schlaf, über Tage.

Zuerst vermute ich einen 30 Jahre alten aus der Heimat importierten Virus, da das Luftschnappen aufhört, sobald ich etwas schreibe. Dann gibt mir ein lieber Argentinier seine Pillen gegen Höhenkrankheit. Auch mit denen komme ich nicht auf den 150 m hohen Aussichtsberg über Copacabana. Aber ich kann wenigstens mal wieder fünf Stunden schlafen.

In der Nacht zieht ein schweres Gewitter über den auf 3.850 m gelegenen Titicacasee. Ich arbeite an einigen Homepages. Am Morgen tragen die Berge bis auf 200 m über den See Puderzucker. Im Regen geht es mit einem von Reiseführern als „Kotzeschaukel“ betitelten Boot eineinhalb Stunden rüber auf die Isla del Sol. Die Autoren waren Landeier. Der Atem kondensiert in kleinen Wolken.

Mein Kitebag bleibt am Hafen der Isla del Sol. Die 150 Höhenmeter rauf zu meiner Unterkunft auf knapp 4.000 m sind mit 35 kg und Höhenkrankheit einfach nicht machbar. Im Yumani Dorf angekommen hört der Regen auf und die bis zu 7000 m hohen Berge im Osten des Titicaca Sees kommen für ein paar Stunden durch die Wolken.

Die Yumani haben in hunderten von Jahren Knochenarbeit die komplette Insel terrassiert, um dem kargen Boden etwas abzugewinnen. Die Reisterrassen in Banaue auf den Philippinen erscheinen dagegen  bescheiden. Es gibt keine Autos, nur Esel und Fußwege. Ich wandere über die Insel und werde in der Mitte von einem Posten aufgehalten. Hier beginnt das Gebiet der Nord-Yumani. Sie haben sich mit den Süd-Yumani des Geldes wegens zerstritten. Fast alle Boote kommen im Süden an, und dort wird auch der Inselzoll kassiert. Ich weiche auf den 4.050 m hohen Gipfel der Insel aus. Im Sonnenuntergang bilden sich kleine weisse Wogen auf dem Titicaca-See, aber ich schaffe es in 10°C heute garantiert keine 150 m runter zum kiten – und dann wieder rauf.

Abends wird um ein Feuer am Rande des Abgrunds mit guten Reisenden ordentlich getrunken. Der Wind frischt auf über 25 Knoten auf. Blitze zucken in der Nach am westlichen Seeufer. Es regnet wieder. Der Hostel-Schamane bietet eine San-Pedro-Zeremonie an. Aber mir geht die Luft auch schon ohne aus, körperlich und geistig.  Ich arbeite einen ganzen regnerischen Tag unter drei Decken frierend im Zimmer mit Panorama-Blick auf den See.

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