km 6.291: La Paz

0812
2017
Fr
23:58
Tag
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Auf das acht Meter lange Boot von der Isla Del Sol zurück zum Festland stapeln die Bolivianischen Touri-Schleuser 48 Menschen, genausoviele Rucksäcke und meinen Kitebag. Schwimmwesten würden die Überlebensadauer in sechs Grad kaltem Wasser bei mehreren hundert Metern Abstand zum Ufer ohnehin nur marginal verlängern.

Die Wellen kommen von der Seite. Der Schwerpunkt des Bootes liegt dank 20 Leuten auf dem Dach deutlich über der Nichtschwimmer-Quote auf Philippinischen Fähren. Tolles Schaukeln, aber keiner schunkelt…

Mit dem Bus geht es über einen fast 4.500 m hohen Pass zur nächsten Fähre. Das motorisierte Brett für den Bus trägt den – sicher in Unkenntnis der Geschichte gewählten – Namen „Rey Salomon“. Durch die Planken des Bootes für die Fahrgäste sieht man das Wasser klatschen. Ich erfreue mich ob der dank ertrinken nunmehr nebst ersticken schon auf zwei angewachsenen Anzahl an möglichen Todesarten.

Bolivien unterhält zur Umweltverschmutzung die gleiche Beziehung wie Kambodscha zur Kinderprostitution. Überall werben Schilder dagegen – aber offensichtlich ist es jedem scheissegal. Berge von Plastikmüll ziehen am Busfenster vorbei.

Ich bin großer Fan von Evo Morales. Vor allem Amerikanische private Öl- und Bergbauindustrie verstaatlichen, einzig für US-Bürger eine saftige Einreisegebühr einführen – und es trotzdem irgendwie zu schaffen, als sozialistischer Südamerikanischer Präsident nicht von der CIA umgelegt oder weggeputscht zu werden: das zeugt von gesundem Humor, Gerechtigkeitssinn sowie ausgeprägtem Fatalismus – und imponiert mir schwer. Im Griff hat er trotzdem vieles nicht.

La Paz ist ein Ziegelversteinerte Welle, ausgeschüttet in einen Canyon auf 3.200 bis 4.100 m – und mit drei Millionen Einwohnern die höchste Großstadt der Welt. Die Straßen sind eng, steil und chronisch verstopft. Hupen bringt die Blechlawinen anscheinend schneller vorwärts als Motoren.

Das Wild Rover ist das bestbewertetste Hostel von Bolivien. Zur Abstimmung waren allerdings nur volltrunkene Twens zugelassen. Diese Woche feiert man Zehnjähriges mit Suff-Karaoke auf 98 dB(A) bis zwei Uhr nachts. Dann ziehen gut 100 gröhlende Alkoholzombies eine Stunde lang am Dorm vorbei („I swear I didn’t fuck her, honey!“) in die Diskotheken von La Paz. Ab drei Uhr kommen sie stundenlang tröpfchenweise („I knew you did her!“) zurück. An Schlaf ist nicht zu denken, und die Höhenkrankheit japst weiter nach Luft. Es gibt wohl doch noch Orte, die mir einfach zuviel sind.

Ich ziehe in das Haus des Ex-Präsidenten von Bolivien auf der anderen Straßenseite. Das Colonial Hostal ist schön alt, die Möbel teils noch echt Biedermeier und das Wlan endlich mal wieder gut zum arbeiten.

Die Stadtour mit Daniel von Red Cap Tours ist die beste aller bisherigen. Gerade angesichts der Tatsache, daß es in La Paz nicht wirklich viel außer feuchten Dreck und jede Menge Elend zu sehen gibt liefern die beiden eine äußerst informative und unterhaltsame dreistündige Tour.

Selbstkritisch rekapitulieren die beiden Komiker: „Wir hatten in Bolivien binnen 200 Jahren 186 Regierungsoberhäupter. Die schlechten – wie z.B. Landesverräter – wählen wir in der Regel in eine zweite Legislaturperiode. Die guten hängen wir.“

Sieben Präsidenten wurden tatsächlich gehängt. Sie berufen sich auf „Missverständnisse“. In einem Ex-Präsidentenhaus zu logieren wird plötzlich zum Standard – und um mein Bett ziehe ich heute abend noch rein prophylaktisch einen präsidentialen Bannkreis aus alten Wandersocken.

Evo Morales mutiert gerade zum Diktator. Solche Infos kommen bei uns in Europa nicht an. Er änderte die Verfassung und Staatsform, um ein drittes mal gewählt werden zu können. Dann rief er das Volk zum wählen der obersten Verfassungsrichter auf, verhängte aber gleichzeitig ein totales Kommunikationsverbot über deren Standpunkte. Nachdem herauskam, daß alle Kandidaten Vertraute Morales‘ waren, stimmten 53% der Bolivianer für den inexistenten Richter „Null“. Bolivien kocht mal wieder.

Morales‘ Live-Ansprachen im Fernsehen sind legendär und brachten ihm den Titel „Trump von Südamerika“ ein. Einige Kostproben? „Esst weniger Hühnchen, sonst werdet ihr schwul!“ Aufschrei der Schwulengemeinde. Rückzug und Begründungsversuche mit Hormonen in der Zucht.

Morales wünscht sich mehr Bolivianer. Also kündigt er eine wahnwitzig hohe Kondomsteuer an. Aufschrei der staatlichen Gesundheitsbehörde: „Hey, die Dinger schützen aber auch vor Geschlechtskrankheiten!“. Rückzug: „Okay, dann zahlt eben jede über 18-jährige kinderlose Frau Steuern an jede minderjährige Mutter.“ Aufschrei. Rückzug. Aufschrei…

Vortrag am Hexenmarkt: „Eine Hexe wird man in Bolivien, wenn man vom Blitz getroffen wird. Zum Bau eines Hauses holt man sich eine Hexe. Sie opfert im Fundament ein lebendes Lama für Pacha Mama.

Große Gebäude brauchen große Opfer. Die Hexe muss zweimal vom Blitz getroffen worden sein. Sie sucht auf den Straßen La Paz‘ nach einem betrunkenen Obdachlosen. Davon gibt es viele. Sie päppelt ihn mit Essen auf. Am Tag des Opfers macht sie ihn so betrunken, daß er gerade noch lebt. So wandert er dann ins Fundament.“

Die Geschichte ist wahr. Einer entkam und berichtete. Viele verschwinden. Wir schweigen alle – und lassen uns garantiert von keinem Bolivianer mehr auf ein Bier einladen.

Mit einem lieben Italiener von der Tour und dessen Freundin ziehe ich weiter zur Metro. Die Metro von La Paz ist ein System aus Gondelbahnen. Mit dem Bus brauchst du rauf ins ärmere Viertel El Alto leicht eine Stunde. Mit der Gondel bist du auf dem dort jeden Montag und Donnerstag stattfindenden und mit 400 Wohnblöcken Länge größten Flohmarkts Lateinamerikas binnen wenigen Minuten für fast kein Geld – grandioses Panorama inclusive.

Am Abend spielen im nahen Olympiastadion die Bolivars gegen die Tigres in einem der letzten Matches der Saison um die Bolivianische Fussball-Meisterschaft. Beide sind aus La Paz. Wir besorgen uns Schwarzmarktkarten für wenig Geld und sitzen kurz darauf in der Underdog-Südkurve der Tigres. Schon vor Spielbeginn brennen dank keinerlei Sicherheitskontrollen am Eingang die ersten drei Stuhlreihen unter etwas zuviel Feuerwerk-Einfluss im Ultras-Bereich 50 m schräg unter uns ab.

In der zweiten Halbzeit zoffen sich die Mannschaften dermaßen heftig über ein Faul, daß die Polizei einschreiten muss. Wieder zieht Regen auf. Es regnet hier häufig. 36.000 Bolivianer erwerben neue Einweg-Plastik-Ponchos.

Das beeindruckendste am Abend sind die beiden Ultra-Blöcke. Sie liefern sich einen zweistündigen inbrünstig ausgetragenen nonstop Band Battle und heizen die Stimmung ohnegleichen an.

Der Trans Atlas Bus am nächsten Morgen ist die erste Schrottkiste der Reise. Ultradreckig und nichts geht: Klima, Klo, TV (juhuu!). Ich sitz oben in der ersten Reihe und geniesse die Aussicht durch ein nur von Sonnenschutzfolie zusammengehaltenes Loch in der auf gesamter Breite gesprungenen Windschutzscheibe. Dazu meditiere ich die wegen Höhenkrankheit gestern nacht getrunkenen zwei Liter Wasser vier Stunden lang durch die Wüste.

Am Bahnhof Orouro überrascht mich der gute Italiener Francesco. Nach meiner gestrigen Beschreibung entschließt er sich spontan auch mal Zug zu fahren. Beim Einstieg witzelt er noch über das Schild, welches stolzen Mutes den Einsatz eines Fiat Diesel Aggregats verkündet.

Zwei Stunden später hört der Zug auf einmal auf, über seine uralten Gleise zu rumpeln und zu schaukeln. Mitten in der Bolivianischen Pampa haben wir einen Motorschaden. Der Mechaniker kommt aus Orouro mit dem Auto, und zwei Stunden später schaukeln wir weiter an Plastikmüll und Flamingos vorüber.

Die Bolivianische Eisenbahn hat schon was. Ober in vollem Concierge-Wichs bringen dir gutes Futter und Drinks für wenig Geld an den Platz. In neun Stunden wird der Wagon drei mal gefegt. Der Bahnkilometer kostet ein tausendstel des Peruanischen.

Fünfjährige Kinder bewundern fasziniert wie im Bordkino Hirnmasse in Zeitlupe aus einem Kopf geprügelt wird. Die Eltern unterhalten sich ungestört nebenan. Der Deutsche sorgt sich schon – aber genießt auch ganz unglaublich die Freiheit absolut kein Recht auf Kritik zu haben.

Die Sonne strahlt beim Untergehen unter den 100 m langen Schatten der Wagons durch, und die trockenen Berge dahinter glühen golden um die Wette. Ein langer Tag mit 17 Stunden on the road ist noch lange nicht zuende…

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