Wenn Katzen tanzen könnten…

2301
2018
Di
1:57
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…dann würden sie Tango tanzen. In einem Swingerclub. In Buenos Aires. Nach Monaten in der Dominikanischen Republik und den heiligen Sonntagen unter schwuler französischer Regie von Thiery im ehemaligen Regensburger Hafenpuff dachte ich ernsthaft, Salsa wäre der erotischste Tanz der Welt. Ich lag sowas von falsch! Salsa ist einfach nur pornographisches Paar-Wichsen. Tango ist Sex.

Heute. Hier. Buenos Aires. Vermutlich der einzige kleine nicht-kommerzielle Tango-Schuppen in der 15-Millionen Tango-Metropole. Ich finde das Café Vinilo nach langer Suche im Internet, eine halbe Stunde vor Beginn und fünf Kilometer weiter. Zuerst schaue ich nur. Ich bin gut im Muster erkennen. Ich erkennen kein einziges. Jeder tanzt andere Schritte zu anderen Rythmen. Individualistisch wie Katzen.

Katzen legen ihr Fell nie ab. Auch nicht im Swingerclub. Sie tanzen, ungeachtet 30° um Mitternacht und einer Luftfeuchtigkeit, die den Schlangensumpf von Bangkok das Fürchten lernen würde. Der Tango musste in Buenos Aires erfunden werden. Sie tanzen. Wie Katzen. Links vorbei. Rechts vorbei. Körper sagen „Du interessierst mich überhaupt nicht!“. Wie Katzen. Und dann, stets überraschend, aber nötig wie ein Blitz aus einer Gewitterwolke – enger und gemeinsamer als es je ein Paar in einem deutschen Swingerclub machen wird. Wie Katzen: „Streichle mich!“.

Das Orchester ist genial. Alle tragen die Kleidung der Straße. Sie entschuldigen sich ob der Ferien für die Minimalbesetzung in Geige, Quetsche, Klavier, Sax und Kontrabass. Ich wüsste nicht, wie weniger mehr sein könnte. Der Sänger singt „al punto“, ohne jegliches Aguillera-Gejodel, aber dafür mit massig Mimik und grandioser Gestik. Das Leid der Bühne füttert die Ekstase der Tänzer. Manche sind einfach nur süss in ihren stoplernden Imitationsversuchen. Die Gran Señores des Dancefloor strahlen in dunkelstem Schummer hinter besten Tapas heller als die Sonne in der Marokkanischen Sahara.

Ein einzelner violetter Spot strahlt auf. Der Quetschen-Spieler vögelt sein Instrument solo in der Mitte der Tanzfläche. Dann tanzt der Sänger tanzt um ihn. Der Saal schweigt. Dem dramatischen Ende folgt der frenetische Applaus und das „otra vez“ einer großen Konzerthalle. Wir sind gerade mal 80 Gäste. Ich werde sicher nie die hundert Konzerte pro Jahr von Freunden schaffen. Mir reicht dieses eine, hier und heute. Für Jahre.

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tango
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