Córdoba

2101
2018
So
22:04
Tag
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Eine Freudin, die ich vor einigen Jahren in Brasilien kennenlernte, lädt mich nach Córdoba ein. Ich schaue gerne vorbei und werde nach dem ersten wegen massivem Platzmangel wirklich beschissenen Nachtbus von ihr am Terminal abgeholt. Ihre Wohnung im elften Stock mit Blick über ganz Córdoba ist das Panorama-Webdesign-Büro der Reise.

Sie arbeitet als Moderatorin bei TV und Radio. Zu ihrem Geburtstag schenkt sie mir eine Führung durch alle Studios. Ich fühle mich wie auf Kindergartenausflug: die Welt ist groß, spannend und unendlich interessant. Im Internetloch der Cuesta Del Viento blieb restlos alles an Arbeit liegen. Hier im Panorama über Córdoba arbeite ich vieles ab und höre ihr dabei im Radio zu.

Nach fast drei Monaten mit praktisch jedem Tag neuen Menschen ist es wunderschön, sich mal wieder auf einen einzelnen konzentrieren zu können. Zumal wenn der Mensch auch noch wunderbar bunt, schräg und lustig ist. Ich merke, wie sehr mir Freunde fehlten und freue mich auf daheim. Abends koche ich auf – oder kämpfe leidenschaftlich mit gigantischen Barbecue-Portionen im Restaurant.

Wir machen wenig, aber das richtig. Wenig tut richtig gut. Reisen ist immer viel. Diesesmal oft zu viel. Der 50 m hohe Wasserfall schrumpft in Realität auf angenehm belanglose drei Meter. Ich nehme an keiner Stadtführung teil, keine Wanderungen locken und es bläst kein Wind zum kiten. Wir besuchen keine Bars, keine Konzerte und auch die restliche Kultur bleibt in der Zwei-Millionen-Stadt Córdoba völlig unbeachtet.

Viel Schlaf ist eine wunderbare Abwechslung. Große Reisen über hohe Berge brauchen anscheinend keine weiteren Höhepunkte mehr. Also fahre ich uns mit ihrem Auto seelenruhig und deutlich zu schnell durch fünf Polizeikontrollen, ohne daß mich auch nur eine einzige nach meinem gestohlenem Führerschein fragen würde. Hemingway winkt uns an einer Ampel rauchend zu.

Auf meiner dritten gemeinsamen Station mit der vermutlich letzten Rallye Paris Dakar sehen wir in Cosquín gerade noch die Abreise der letzten Trucks zur Siegerehrung. Auf selbige schleichen wir uns am Abend im Stadtzentrum von Córdoba ohne Tickets rein. Die Rallye Paris Dakar scheint die einzige Veranstaltung der Welt zu sein, bei der die Menschen Geld dafür zahlen, mit Werbung zugestopft zu werden. Red Bull ist jetzt Universalsponsor. Praktisch jedem Fahrzeug wurden Flügel verliehen. Trotzdem fahren die meisten noch – und keiner regt sich auf.

Den letzten Bus meiner größten Reise erreiche ich durchgeschwitzt und auf den letzten Drücker. In diesem Zustand ist meine Toleranz gegenüber Schurken gleich null. Der letzte Busbelader zockt ein Drittel des ohnehin schon teuren Nachtbusses nach Buenos Aires als Aufpreis für meinen Kitebag ab – selbstverstänslich ohne Quittung, aber dafür mit Androhung von Ärger.

Für diesen unangefochtenen Spitzenwert auf 15.000 km durch Südamerika überreiche ich ihm posthum den blechernen Pokal für das Arschloch des Jahres. Direkt beim nächsten Ausladen wird er von einer Sportausrüstung umgebracht werden. Also, eigentlich wird sie ihm nur auf den Zeh fallen. Er stolpert rückwärts. Direkt vor den nächsten einfahrenden Bus. Der überrollt ihn. Ganz langsam. Zwei mal vorwärts. Einmal rückwärts. Der Busfahrer winkt mir grinsend zu, während ich zufrieden das Geräusch einer platzenden Kite-Tube vernehme.

Doch mein Winken galt dem wunderbar bunten Menschen da unten, der am Bussteig steht und ganz klein und groß zur gleichen Zeit jede Lücke zwischen den sich jetzt versammelnden Menschenmassen nutzt, um zwischen den Busvorhängen hindurch noch ein bisschen länger dem zuzuwinken, was Menschen zusammen bewegen können. Danke für alles!

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