Oh Europe, Where Art Thou?

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2018
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Eine Dachterrasse in Lissabon. Halb sechs Uhr morgens. Ich sollte schlafen. Doch vor einem Monat habe ich mich wohl in Frankreich unter ein Nest von Prozessionsspinner-Raupen gesetzt. Jetzt juckt der ganze Körper wieder höllisch. Also kratze ich. Bis auf’s Blut. Auf einmal kommt mir der politische Kommentar eines dieser Facebook-Freunde, die man eigentlich gar nicht kennt so vor, als hätten wir Deutschen uns kollektiv um 1928 in ein Nest gesetzt. Wir kratzen immernoch. Also schreibe ich.

Ich bin Autist. Ich bin Reisender. Das was ihr Heimat nennt ist für mich meistens nur ein Ort, an dem mich in meiner eigenen Sprache kaum einer versteht – sollte es überhaupt etwas geben, über das wir zusammen sprechen wollten. Ich polarisiere, verschrecke, und manchmal schaffe ich es sogar Frauen über 3.500 km mit einem mir selbst unbegreiflichen magischen Spruch wegzuzaubern. Auf Reisen spricht jeder eine andere Sprache. Nicht verstanden zu werden ist hier Alltag für jeden. Reisen ist meine einzige Heimat.

Man sagt wir Autisten hätten extreme Sichtweisen. Doch wenn ich so schlaflos aus der Ferne durch deutsche Meinungen in den sozialen Medien schweife, dann erachte ich es fast als möglich, daß der gute Freund recht hatte, der da behauptete: „Du bist der normalste Mensch der Welt.“. Aber vermutlich bin ich wohl doch Extremist, denn ich vertrete eine sehr unpopuläre Meinung im Kampf um den richtigen Weg in Deutschland und Europa.

Der mir eigentlich unbekannte wetterte auf Facebook gegen den politischen Gegner. Ich warf nur ein dezentes „wir sollten mehr miteinander reden, statt den Gegner zu verurteilen“ ein. Die Folge war von mehreren Seiten ein „mega“ vor das „Arschloch“ des Gegners zu setzen – und das ganze im Namen des Humanismus zu unterstreichen. Eigentlich finde ich es sehr lustig, wenn ich mit dezenten Einwürfen derart extreme Reaktionen hervorrufe. Hätte ich das nicht gelernt, wäre ich schon längst daran zugrunde gegangen, denn mein „dezent“ ist oft ungewollt euer „extrem“.

Heute Nacht ist das anders. Ich habe Angst um Deutschland, um Europa, um die Welt. Wie weit sind wir gekommen, wenn das Verurteilen des politischen Gegners lauter wird als der Diskurs? Habt ihr je die Deutschlandhymne gesungen? Ich nicht. Aber wenn ich mich recht entsinne steht vor dem „Recht und Freiheit“ vollkommen vergessen noch das Wort „Einigkeit“. Wir alle scheissen drauf – während wir uns in den Likes unserer zunehmend radikalen Kommentare sonnen. Egal ob links oder rechts. Keiner redet mehr mit dem Gegner. Wir halten beide Ohren zu und rennen mit den Füssen Hasskommentare tippend auf den tiefen breiten Graben zu, den wir alle voller Eifer selbst schaufelten.

Manchmal hilft reden wirklich nichts. Mit Israelis kann man noch so viel Gin auf Sansibar trinken oder sich das stundenlang angeschürte Feuer auf einer kalten Berghütte in Neuseeland versauen lassen. Sobald man sie auch noch so dezent durch eine hauchzarte Blume darauf hinweist, dass sie sich zuhause wie die reinsten Nazis aufführen ist Schicht im Schacht. Ist das ein Grund, es nicht mehr zu probieren? Für mich nicht.

Du wächst mit den Aufgaben. Sind sie zu groß, such dir kleinere! Gerade habe ich wieder mal mit einem Russen über Schwulenrechte gesprochen. Es ist jedesmal so spannend wie in einer Scheune zu zündeln. Okay, spätestens nach dem kurzen Umweg über die Einflussnahmen russischer Hacker auf demokratische Wahlen hat er mir das Streichholz ausgeblasen. Aber hey, die Scheune steht noch! Zum rauchen gehe ich jetzt halt raus.

Dummerweise funktionieren soziale Medien anders als persönliche Gespräche. Anstelle freier Meinungsäusserung tritt die vom Medium gefilterte WWWahrheit. Warum nennt denn DAS keiner Lügenpresse? Facebook verdient nur dann Geld, wenn wir lange darauf bleiben. Also zeigt es uns nur noch was wir mögen. Wer liest schon gerne, was ihm nicht gefällt? Das alleine trägt schon zur Spaltung von Gesellschaften bei, denn der Mensch glaubt nun mal gerne alleine das, was er sieht. Jeder sieht nur noch einen kleinen Spalt der WWWahrheit. Die Dummen glauben es wäre die einzige.

Der geniale Denker Yual Noah Harari prophezeit in seinem Buch „Homo Deus“ die Vernichtung von Demokratien durch das Internet. Früher funktionierte Zensur durch das Unterbinden von Informationszugriff. Heute viel perfider: wir werden nur noch mit dem zugemüllt, was uns gefällt oder von vornherein bedeutungslos ist. Am besten beides in einem. Schlimmer noch. Wir werden nicht nur zugemüllt. Wir verzapfen auch noch bereitwillig selbst diesen Müll. Da! schon wieder einer, der teilt, wie man wieder Posts von den „Freunden“ angezeigt bekommt, für die man sich doch ohnehin schon lange nicht mehr interessierte. Bitte! Wenn Du Wahrheit willst, echt und ungefiltert, dann rede direkt mit den Menschen. Besonders mit denen, die du nicht magst.

Man sagt „aber“ sei die kleine Schwester von „Arschloch“. Doch wann habt ihr das letzte mal ein „aber“ direkt unter einen „feindlichen“ Post gesetzt? Und wann habt ihr einfach die letzte Berichterstattung über einen „feindlichen“ Post geteilt und ein „Arschloch!“ druntergesetzt?

Ich mag: aber.

Statt zu hetzen sollten wir uns setzen. Es kann doch nicht sein, dass es zwischen rechts und links kein geradeaus mehr gibt. Nicht rechts oder links ist das Problem, sondern daß wir nicht mehr miteinander reden. Das WWW trägt hierfür eine große Teilschuld. Ich gebe der Politik keine Schuld. Wir alle sind selbst schuld, unsere Politikverdrossenheit, unser Desinteresse, unsere Bequemlichkeit und unsere von Likes befeuerte Selbstherrlichkeit.

Wer ist damals aufgestanden, als die SPD unter Schröder das „sozial“ im eigenen Namen verkaufte und das ganze dann glaubwürdig mit einem Manager-Job in der russischen Gasindustrie unterstrich? Wer hat jemals die „christlichen“ Parteien verständlich darauf hingewiesen daß Erbsünde ein reichlich unkontemporäres Konzept ist? Man mag deswegen zwar meinetwegen eine Hand ans Kreuz nageln – aber muss man sich dann noch mit der anderen die Augen zuhalten? Nochmal: ich unterstütze keinerlei Gewalt, egal aus welcher Richtung. Aber wenn sich sogar ein Autist fragt warum keiner mehr den anderen versteht (und wir sind darin wirklich zumeist ultra schlecht!) – Wo stehen wir dann? Oh Europe, where art thou?

Reisen ist bunt. Ich bin wieder mal über zahlreiche Grenzen gefahren, ohne ein einziges Mal meinen Ausweis zu zeigen. Ich habe in allen Ländern mit der gleichen Währung bezahlt. Galaxien sind auf meiner Zunge explodiert. Ich merkte erst nach Wochen, daß Portugal eigentlich eine andere Zeit hat. Der Sonnenuntergang war trotzdem überall gleich schön. Trotzdem ist jedes Land anders. Jedes Volk ist anders. Unsere Unterschiede könnten Boden für so viel Gutes sein. Ich wünschte, wir hätten es weder nötig, Angst vor Ihnen zu haben – noch uns zu verlieren.

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