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Wiener Melancholie

Ich weiss nicht mehr, wie oft ich in Wien war. Schon gar nicht mehr wie lange, und manchmal nicht mal mehr, wo genau. Wo immer ich war, wollte ich Menschen begreifen. Doch Wien scheint unbegreifbar, genau wie die Buntheit seiner Bewohner. Und das ist gerade jetzt ganz wunderbar.

Zu sagen: Verliebte reisen nach Paris, und Melancholiker nach Wien wäre viel zu einfach. Ja, Amelie ist großartig in ihrem Pariser Cafe. Aber “Before sunrise” spielte auch zurecht in Wien. In den Putzereien wird gewaschen. Taxifahrer sind einzig zum lenken da. Die S-Bahn fährt unter der U-Bahn durch. Widersprüche sind Alltag in Wien, nicht nur für Piefkes. Abgewrackteste Boazen stehen Tür an Tür mit Nobelhotels.

Du lauschst Louie Austens Easy Listening Schnulzen zu 20€-Cocktails, und 10 Minuten später gibts Knüppel-Sound voll auf die zwölf in einer Abriss-Kinokneipe. Alt und neu, vergangen und vergeben, in friedlichem Einklang.

Sogar die Nazis sind blau statt braun in Hitlers Heimat. Keiner ist dir böse, wenn du fragst: “Warum?”. Aber bitte komme nicht auf den törichten Gedanken, eine sei sie auch noch so weingeschwängerte alles erklärende Antwort zu erhalten! Wien ist unbegreifbar.

Ich will nicht mehr fragen. Ich bin am richtigen Ort, auch wenn ich mein vergessenes Kite-Trapez neu kaufen musste, 9° zu kalt und bis zu 40 Knoten am Neusiedler See einfach viel zu viel zum Kitesurfen für mich waren. Manches ist wie es ist, und keiner kann erklären warum. Das ist das Wunder von Wien. Ein verlorenes Weltreich lebt hervorragend zwischen Dekadenz, Trümmern und Art Deco. Es gibt keinen Grund. Einfach wunderbares und manchmal erbärmlich schönes Leben.

The Gospel Dating Service spielt den Sound dazu im Chelsea. Oft hab ich vom Chelsea gehört. Trotzdem mein erster Besuch. Ein dicker Ofen wird direkt in der wogenden Menge vor mir geschürt.

Als gerade alles gut ist, rotzt mich eine anscheinend recht deutschstämmige Wienerin an, was mir einfällt, mich dermaßen leise zu derart lautem Sound nach dem nächsten Elektronik-Club zu erkundigen. Ich bin schwer irritiert. In der Liftschlange sind Wiener schlichtweg die Nemesis. Aber daheim geschmeidig und bunt wie Seide. Dachte ich.

Ich nehm das mit als unerklärlich. Als bunt. Als das, was ich nicht verstehe. Feiere vor Konzertende draußen das vieltorige Unentschieden zwischen Ottakring und Tegernsee sowie zwei Tage schweigen – und höre auf an letzten Tschig dabei zu, wie unglaublich bunt die Welt zwischen 2.700 Gürtel-Huren, Hoffnung, einer offenen Backstage-Türe und ungestört lebenden Anwohnern sein kann.

Ich schleich mich mit der letzten Bim auf den Berg zur Schlossherberge. Werde von bunten Weltbürgern auf Wein eingeladen. Schau runter auf die funkelnden Lichter meiner unbegreiflichen Stadt.

Am letzten Tag passt sich das Wetter der Wiener Mainstream-Melancholie an: es regnet nonstop Ich schau trotzdem rauf auf den Leopoldsberg. Hier war 1683 der Anfang vom Ende der Türken in Europa. Und hier hängt die beste Panorama-Schaukel Wiens an einem uralten Baum. Sie schaukelt nicht mehr leer im Wind. Irgendein Depp hat sie abgeschnitten. Ich sage dem Begreifen Lebewohl.



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