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Walk on the wild side

Nach fast vier Wochen in Wien fällt mir auf einmal auf, dass ich eigentlich noch überhaupt keinen ganzen Tag mal einfach frei gemacht hab. Ich hab jeden Tag gearbeitet, die meisten komplett. Wird heute abgestellt. Die Windvorhersage passt, wir fahren zum Neusiedler See. Wegen einer Regatta ist der Nord-Nord Strand gesperrt. Zum Starten ist das Strandbad eh viel besser.

Nach fast zwei Monaten permanenter Flaute in Deutschland, Italien, Kroatien, Slowenien und Österreich kommt mein neuer XBow endlich zum Einsatz. Wunderbar. Der Kite wird lange viel Spaß machen. Schöne Depower, etwas hohe Haltekräfte, aber auch massig Zug nach oben. Auf dem See stehen 150 Kiter dicht an dicht, 14 Knoten reichen aus um den neuen 1,5h zu testen.

Am Samstag findet der Nightwalk XI am Gürtel in Wien statt. Entlang der höhergelegten U6 reiht sich kilometerlang ein Konzert ans nächste. Auf der Anfahrt enden zuerst wie überall in Wien plötzlich alle Radwege im Nichts. Dann setzt die Wandlung der Geschäftswelten ein.

Wien hat unglaublich viele Puffs, Stripclubs und Sexshops. Hier am Gürtel nocht mehr. Erst einer, dann zwei, noch einer, immer mehr. Ich verfalle ins Mantra „Shop – Puff – Bar“. Nach einem Kilometer ist es einfacher, die „normalen“ Geschäfte als die GoGo Bars zu zählen. Ich entwickle eine neue Theorie für die Wiener Leydigkeyt: An jeder Ecke liegt Sex. Vielleicht stolpern die armen Wiener Stecher sooft drüber, dass immer irgendwas weh tut?

Unter die Bögen der Stadtbahn sind jetzt Bars eingezogen. Bands spielen, Massen feiern, ich bin alle von zuviel Arbeit. Verena geht irgendwann, meint, sie weiß, wann der Abend nix mehr bringt. Ich widerspreche vehement. Beispiel: Heute. Fix und alle, sollte heimgehen. Aber Sabine empfahl noch das Cafe Carina.

Das Cafe Carina war einst eine Sandler (dt.: Penner) Kneipe. Dieser alte Charme wurde etwas mit frischen Accessoires aufgepeppt und schwupps hat man eine richtig nette schräge Kneipe. Heute spielen Christian und Michael. Sie sind wohl sowas wie Amy Winehouse auf Dauer-Rehab. Saufen auf der Bühne, gröhlen dreckige Texte und charakterisieren sich als die ultimativen sexuellen Vollproleten.

Ich hasse JBO. Aber diese Burschen hier sind anders. Ungefähr so wie sich Marianne und Michael selbst im Vollsuff nie zu trauen sein würden. Dreck mit Hirn und massig Witz bringt die Carina Bar zwei Stunden lang zum kochen. Auszüge aus den Texten: „Wir gründen eine Männergruppe und suchen dann nach Gründen dafür.“ „Alles ist Scheisse, nichts ist okay.“ „Ich muss nicht mit dir leben, aber geiler wär’s schon.“ „Meine Hände waren bei ihr, mein Herz gehört dir.“

Ein Kameramann vom ORF filmt das ganze. Die Texte sind so dreckig gemein, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wo und wann das gesendet werden könnte. Zwischen den Songs küssen sich Christian und Michael leidenschaftlich (hier ausnahmsweise mal ohne y). Dann werden Zeilen von Howard Carpendale zitiert. Zuletzt fordern die beiden das Publikum zum herauslassen alles angestauten Hasses auf. Der Song hierzu lautet „Wisch dir die Kotzbrocken aus dem Gesicht und küsse mich.“

Das hört sich jetzt alles schlimm an. Und so war’s auch. Ganz schlimm amüsant. Um unser Niveau wieder etwas anzuheben versacken wir spät nachts noch auf ein Bierchen im Tanz-Cafe Seinerzeit. DJ Ötzi humpelt übers quietschende Parkett. Ein Opa befummelt sein Weibchen hinter dem aufgeplatzten Sofakissen. Die Kronleuchter leuchten leise.



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