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Vom gestrigen Heurigen

Ich lerne Österreichisch. Georg klärt mich auf: Heurigen ist nicht der Wein, Heurigen ist die Buschen-Schänke, die ihn ausschenkt. Heurigen ist also nicht die Fortsetzung der ewig Gestrigen und politisch eher anzusiedeln in der gemäßigten Mitte. Gestern waren wir auf jeden Fall außerhalb Wiens auf einem Heurigen. Das war fast genauso ungesund wie spassig.

Es ist ganz komisch, ganz nahe an der eigenen Heimat in der gleichen Sprache und einem ähnlichen Dialekt ständig was Neues zu lernen. Ich lern binnen fünf Tagen in Wien mehr neue Wörter als binnen drei Monaten in Neuseeland. Was sicher nicht dazu beträgt, das ich mir irgendwas besser merken kann. Nur eines: Aus’gsteckt is des Online-Lamperl vom Heurigen.

Die letzten zwei Tage hab ich Georg besucht, einen guten Mitreisenden aus Fiji und Neuseeland. Wohnt ganz oben in Wien-Döbling auf dem Berg. Wir kochen gut auf und vernichten EM-Bier. Er arbeitet viel im Hotel, ich an Homepages. Tag vier in Wien. Immer noch keine Zeit für Touren. Nur Arbeit und neue Digicam kaufen.

Zum ersten Mal binnen acht Jahren Suchmaschinenoptimierung schmiert mir die Homepage eines Kunden ab. Auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht meine Schuld ist, und Google genau im falschen Moment an den Bewertungskriterien geschraubt hat, kann ich das Gegenteil nicht beweisen. Das nagt am Ehrgeiz. Ich suche Stunde um Stunde nach Indizien, analysiere, chatte mit anderen SEOs und versuche Argumente zu sammeln. Ich finde keine definitiven Beweise und verdiene dabei überhaupt nichts.

Nach zweitägigem Kampf ist erst mal eine Weile Ruhe. Ich fahr wieder zu Sabine. Mit dem Zug fahren wir zu Viert 40km raus aus Wien nach Schönborn-Mallebarn. Der Malle-Teil des Namens ist Programm. Urige kleine Dorfkneipe unter Weinranken. Die Sonne geht unter, der Wein fließt in Massen. Dazu gibt’s Brotzeit: Brokkolinockerl mit Kernöl auf Ruccola, Schinken, Melone, Tafelspitz mit Kren, Blunzn mit Zwetschgen. Alles zum Reinlegen.

Sabines beste Freudin ist die Tochter des Besitzers. Sie bedient uns viel und sehr lang. So lange, dass wir den letzten Zug verpassen. Sie fährt uns gegen Mitternacht zum allerletzten Randbezirk Wiens, wo wir die letzte SBahn erwischen. Auf Sabines Tisch liegt der Nachdruck der Prager Presse vom 13. März 1938: „Deutsche Truppen in Österreich“. Gute Nacht.



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