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Oh Wienna!

Die Westbahn von Salzburg nach Wien stellt bei DB-geschädigtes Zugfahr-Weltbild völlig auf den Kopf. Der Zug  fährt im Bahnhof einfährt. Pünktlich, bei unter Null Grad! Jeder Fahrgast bekommt einen Tischplatz mit Stecker zu einem guten Preis – ohne Reservierung, und gezahlt wird mit EC beim freundlichen Steward statt beim rotzigen Schaffner. Gratis Wifi schaukelt uns sanft und schnell nach Wien. Legendäre Deutsche Qualitäten machen Urlaub in Österreich.

In der ersten Nacht erlegen wir eine Legende. Der alte Türsteher in purpur-Weste bittet abzulegen. Mit Blick auf meine alte Jeans verkündet er die Gewandordnung – aber hat nach einem weiteren kritischen Blick auf mein Austro-Turk-„Friseur“-geschändetes Haupthaar wohl doch Mitleid. Wir entern die Eden Bar.

In alten Zeiten verkehrten hier in der Seitengasse hinter dem Dom Legenden. Harald Juhnke absolvierte erfolgreich etliche Leber-Bootcamps. Heute sind wir neben einem Russischen-Schlampen-Pärchen die einzigen Gäste in der schwülstigen Dunkelheit zwischen Samt und Art-Deco-Lampen.

Der befrackte Obet leert unseren Ascher im Nichtraucherbereich nach jeder einzelnen Zigarette. Dann spielt die Thailändische Jazz-Band auf. Zusammen verfügen die fünf über ehrfurchtgebietende 284 Jahre Bühnenerfahrung. Einzig der junge Gitarrist verhindert die 300. Die Bandleaderin im 70er-Glitter-Hosenanzug begrüßt uns mit Handschlag und fragt dann mit bezauberndem Akzent nach unserem Wunsch-Song.

Gerade als ich mir denke, wie teuflisch gut Location und Band an einen Zombiefilm im Titty Twister erinnern, stimmt die Leiche hinter der Yamaha-Todesorgel ein schwülstiges „Killing me softly“ an. Mein Grinsen beim bezahlen unserer zwei 25€-Drinks vom unteren Ende der Preisskala nimmt die Sängerin zwar wahr, missinterpretiert es aber wohl ob divergierendem kulturellen Background. Qualität: unbezahlbar!

Nach acht Stunden Powershopping durch 30 Shops folgt das bestmögliche Kontrastprogramm zum Vorabend. Am Erdberg wurden im Mittelalter Wiens Hexen vor den Toren der Stadt verbrannt. Heute brennt’s auch noch, nur ein bisschen anders.

Das Arena ist eine wunderbar abgewrackte alte Fabrik voller Grafittis und schrägen Menschen. Am Klo halten 1,5 cm Bandsticker die Mauern zusammen, in der Kneipe davor zerlegt ein Ofen ein paar Rocker vor dem Ofen.

Heute spielen Vienna Teenage Riot aka Sex Jam tollen Krach. Mein gestriges underdressed ist heute overdressed – zumindest bis zur ersten von einigen Bierduschen. Im ersten Pogotopf beweist mein filmendes Moto G4 Härte und überlebt einen zwei-Meter-Sturz auf Beton. Der Ort ist dunkel, aber die Menschen bunt. Schade, daß es daheim sowas wunderbar morbides wohl nie geben wird…



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