Josefine Baker singt in Wien

2006
2009
Sa
1:52
Tag
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Ich fahre nach Wien. Auf dem Weg finde ich die Erklärung für die Wirtschaftskrise. Wegen selbiger steckt die Regierung derzeit sehr viel Geld in Infrastruktur-Massnahmen. Überall unglaublich viele kilometerlange Baustellen, wegen denen ich meine geschäftlichen Termine in Wien nicht einhalten kann. Verlorene Aufträge pflastern den Weg durch die Krise.

Sich an vielen Orten auf der Welt auszukennen ist großartig. Es gibt das Gefühl der Kontrolle über etwas immer komplexer werdendes und eigentlich unkontrollierbares. Fast könnte ich das Navi ausschalten. Die Wiener bestrafen immernoch jeden kleinsten Fehler mit wildem Hupen, und einen Parkplatz vor Georgs Hotel finde ich schon nach nur drei Runden um den Praterstern.

Wir gehen in ein Musical: Josefine Baker. Auf den allerletzten Drücker kommen wir vier Leistungsträger der Gesellschaft vor dem Theater an. Gehetzt vom Stress des Tages lassen wir uns auf unseren Plätzen nieder. Die Show beginnt.

Ich mag keine seichte Unterhaltung. Also wenn seicht, dann bitte richtig seicht und idiotisch, gerne niveaulos, aber vor allem vollkommen inhaltsbefreit. In zwei Worten: American Pie. Musicals sind seichte Unterhaltung. Ich war noch nie ein Musical-Fan, aber wenn sie eine niedliche kleine und angenehm bedeutungslose Geschichte mit ein paar eingängigen Schmonzetten in ein sanft gerührtes Publikum schmeissen: akzeptiert. In drei Worten: West Side Story.

Josefine Baker gehört nicht zu diesen Musicals. Vollkommen zusammenhanglos und affektiert versucht dieses Schundstück dem Publikum binnen zwei Stunden die verfälschte Geschichte des Blues, Jazz, Boogie Woogie und Gospel untermalt mit Zitaten von Martin Luther King und Bildern des Ku Klux Klans und Hurricane Kathrina „näherzubringen“. Das Näherbringen scheitert bei mir ungefähr in Minute 25, als mein Stuhl langsam in Ruheposition schräg nach hinten gegen die Wand kippt.

Der inexistente Spannungsbogen lässt der bedeutunglosen Rahmenhandlung ein Maximum an Wirkungsraum. Ja, die amerikanische Originalbesetzung singt gut. Aber wenn sie verstehen würde, was für einen gnadenlosen Schrott sie zwischen den Stücken holprig radebrecht würde sie vermutlich permanent den Schädel gegen irgendwas hartes auf der Bühne hauen. Die größte Sauerei kommt zum Schluss: Josefine Baker tanzte nackt. In diesem Stück gabs noch nicht mal Nupsies.

Danach ziehen wir durch den Regen in eine fast leere Kneipe. Die DJs kredenzen ein Musik-Menu mit einer wilden Auswahl buntester Stilrichtungen und Songs. Jeder darf sich seinen wählen – der Garcon berät und kündigt mit Megaphon die Wahl nebst Widmung an. Wie wunderbar schräg und inhaltsleer! Wie unendlich viel Platz aus einem kleinen Nichts ganz viel zu machen!

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