Whanganui River

2712
2012
Do
23:29
Tag
2029
2043 views

Der Whanganui River ist der abgelegenste aller Neuseeländischen Nationalparks. Er hat noch nicht mal einen Namen, die Schildern sagen einfach nur „National Park“. Mitten drin liegt die DOC Campsite Whakohoro hinter 42km Schotterpiste bis zum nächsten Dorf. Dazwischen gibt es nur Schafe, Regenwald und „No mobile coverage“ Warnschilder.

Wir sind am Ende des schönsten Endes der Welt. Die Wiese ist reichlich garniert mit Schaf-, Pferde-, Gänse- und Hasenmist – und bietet damit deutlich mehr Vielfalt als Hobbiton. Barfuss reintreten ist unvermeidbar, aber auch nicht schlimm. Die Wettervorhersage stimmt heute endlich mal. Es regnet den ganzen Tag heftig, gefolgt von Sonnenschein im halbstunden-Takt.

Madame Matzke lästerte in letzter Zeit etwas zu spöttisch über meine Androhung, ein respektabler Angler zu werden. Die Fische sind mir egal, aber das Lästern stachelt meinen Ehrgeiz an. In strömenden Regen schlage ich mir eine Schneise durch den Urwald bis hinunter an den Whanganui River. Nach Blitz-Schulung durch einen Franken in Rotorua – wir angelten beinahe erfolgreich ein großes Auto – erachte ich mich perfekt vorbereitet für eine große Forelle. Die Forellen wissen das leider noch nicht. Das einzige, worin sich mein Haken verhängt, sind Gräser und Steine am Grund. Zweimal springt ein Fisch aus dem Wasser. Ist ihm aber offensichtlich zu feucht auf unserer Seite der Wasseroberfläche.

Zurück am Camp kommt die Sonne wieder raus. Ich bin klatschnass, bis zum Knie voll modrigem Schlamm und bis zur Nasenspitze voll Grassamen. Die Urwälder an den steilen Hängen der Umgebung dampfen. Wenn jetzt ein Gorilla durchs Gebüsch brechen würde, dann würden die Neuseeländischen Country-Music-Paddler nebenan vermutlich nicht mal ihr Tui-Bier absetzen. Der Whanganui ist einer der „Great Walks“ – auf 90km gibt es nicht als Wildnis, keinerlei Straßen oder Wege – wer ab Whakohoro reinpaddelt, muss auch rauspaddeln.

Trotz unseren drei Monaten ist uns die gesamte Tour mit bis zu sechs Tagen doch zu heftig. Wir zelten nur einen Tag in Whakohoro und brettern am nächsten Morgen 100 km ans Südende des Parks nach Pipiriki. Die Straße ist eine einzige Achterbahn 400 m runter ins steile Flusstal. Dort springen wir in ein Jetboat, das uns gute 20 km auf dem Whanganui nach Norden bringt, zur Bridge to nowhere.

Die Brücke befindet sich wirklich im Nirgendwo. Eine Stunde Jetboat und genausolange laufen ist die minimale Entfernung zur nächsten Straße. Fertiggestellt wurde die Bridge to nowhere 1936, um die Siedler im abgelegenen Mangapura Tal zu versorgen. Denen waren aber anscheinend schon lange vorher die Süsskartoffeln ausgegangen. Als die Brücke fertig war, waren die Siedler schon alle weg. Zehn Menschen wohnten der Eröffnung der 40m hohen Betonbrücke bei, fünf davon waren Bauarbeiter.

Einen guten Teil des Rückweges stromabwärts paddeln wir mit dem Kanu durch ein paar einfache Stromschnellen. Der Unterschied der Wahrnehmung zwischen Jetboat und Kanu könnte nicht größer sein. Alles ist still. Rauschen. Paddelschlag. Blue Ducks flattern davon. Ein Wasserfall links, steile Wände rechts, Baumstamm und Steine vorne. Nach fast 24h nonstop Regen gestern bleibt es heute trocken.

Am Abend haben wir eine Einladung in New Plymouth von einem Couchsurfing-Host. Auf der Karte sieht die Nord-Route dorthin etwas kürzer aus als die Südroute. In Taumaranui weist ein Schild den „Forgotten World Highway“ aus. Wir sind sehr spät dran, es wird langsam dunkel. Gerade als ich Uli mitteile, dass es wohl auch noch einen ungeteerten „Lost World Highway“ geben müsse, der mich auf der letzten Reise begeisterte, folgt nach Kurve 923 unvermittelt Schotterpiste. Ich hab einfach vergessen, dass ich auf dem Forgotten World Highway schon mal unterwegs war.

Schon auf der Weltreise wollte mir mehr Zeit nehmen, denn selbst auf vier Rädern ist der 5m breite „Highway“ ein absolutes Erlebnis. Auf den 150 km von Taumaranui nach Stratford führen keine 100 m waagrecht geradeaus. Wir sehen ganze drei Autos. Kleine äusserst steile Hügel und fünf höhere Pässe halten das, was BMW verspricht. Überall vulkanische Hügel, tiefe Täler, derbe Bodenwellen und ein von Hand durch den Fels geschlagener alter Tunnel. Aus geplanten drei Stunden Reisezeit werden mit teilweise schon bei 50km/h in den Kurven quietschenden Reifen satte fünf – und das auch nur dank Afterburner.

Nach knapp 300 km kommen wir wieder mal viel zu spät an einem Ziel an. Unser Gastgeber Darryl nimmt uns spät Nachts trotzdem noch auf, bewirtet uns mit Tee und gibt uns ein großes und nach dem Whanganui wunderbar trockenes Bett.

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Ein Kommentar

  • Dominik schreibt am Montag, 4.2.2013 um 13:57 Uhr:

    hey du hast ja ein praktikum mit dem pflug gemacht, jetzt kannst bei mir anfangen! ;)

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