Sa
11:02
Tag
2017
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Verloren im Reich der Kauri-Riesen

Tane Mahuta stemmte Himmel und Erde auseinander und schuf somit Platz für alles Leben. Die Maoris verehren den vermutlich 2000 Jahre alten größten aller Kauri-Bäume, vor denen wir jetzt staunend im Waipoua Forest stehen, als den Erschaffer alles Lebens. Die Legenden der Maori sind Elementar-Epik: einleuchtend bis selbstverständlich, klar und phantasievoll. Unsere Märchen sind dagegen der reinste Groschenromane.

Ich liebe diese einfache Direktheit. Sie zeigt sich auch in vielen anderen Sachen in Neuseeland: Wir: Franz-Josef-Strauß-Flughafen. Kiwi: Auckland International Airport. Wir: Hildegard-von-Bingen-Allee. Kiwi: Ocean View Road. Wir: Sind Sie versichert? Kiwi: No worries, I help ya.

Nach der gestrigen Party sind wir recht angeschlagen. Unser Auto auch. Das Problem war nicht der 90 Mile Beach. Auch nicht die bisher bestimmt 300 km Schotterpisten. Sand ist zu klein, Schotter zu groß. Aber der massig eingesetzte Rollsplit auf allen Straßenbaustellen hat genau die richtige Größe, sich zwischen Bremsscheibe und Belag festzusetzen. Das Geräusch ist nach einigen Kilometern mehr als grausam, die Reparatur in einer alten Dorfschmiede relativ günstig.

Wieder mal sind wir viel zu spät am Ziel, den größten Kauri-Bäumen im Waipoua Forest nördlich Dargaville. Von dort aus geht es nochmal vor einer Staubwolke herreitend über 20 km zur DOC Campsite im Trounson Kauri Forest. DOC Campsites sind staatlich unterhaltene Campingplätze in meist wirklich einmalig schönen Naturschutzgebieten. Dieser hier hat sogar warmes Wasser, eine Küche und Grillen mit Barbecue ist trotzdem erlaubt.

Die Sandfliegen nerven massig beim Abendessen, sind aber weg, sobald es dunkel ist. Ein anderer Camper erzählt uns, dass im Kauri Wald direkt hinter dem Campingplatz in der Nacht Kiwis zu sehen seien. Einmalige Chance, also nochmal rote Plastiktüten als Filter für die Taschenlampen suchen und ab in die Nacht. Kiwis sind den Menschen gar nicht so unähnlich. Rotlicht gefällt ihnen anscheinend.

Die Tore zu Kiwi-Schutzgebieten gleichen manchmal wahren Intelligenztests. Direkt dahinter warten Schuh-Desinfektions-Spritzen und Bürsten. Das wirkt doppelt übertrieben, gerade wenn man bedenkt, dass man auf einem normalen DOC Walks im Kauri-Gebiet sowieso kaum den Waldboden berührt: Der Weg führt mehr oder weniger ohne Abzweigungen kilometerweit über aufgeständerte Holzstege. Die größte Gefahr ist, dass man vom Steg fällt und einem Kauri dadurch die Wurzeln bricht.

Wir tasten uns durchs Dunkle. Um es kurz zu machen: einen Kiwi sehen wir in dieser Nacht nicht. Aber Aliens mit roten Lampen. Alle folgen schweigend ihrem Führer. Erinnert an die Szene aus E.T., nur eben in rot. Als der Führer meine Kamera sieht, bietet er mir bereitwillig eine professionelle Vierteilung für die Benutzung des Blitzes beim Fotografieren eines ohnehin nicht erscheinenden Kiwis an. Mein Kamera ist neu, die Anleitung noch nicht verinnerlicht, der Blitz für mich daher nicht nutzbar.

Die Gruppe geiert erst einem geschockten Oppossum hinterher und schleicht sich dann zu ihrem Raumschiff. Wir bleiben allein mit von unten nach oben fliegenden Sternschnuppen, roten Taschenlampen und vielen unbekannten Geräuschen aus dem Urwald im Dunkeln zurück. Ich ahme das schon legendäre Ächzen des menschenfressenden Riesenkiwis nach. Uli findet das trotz den zahlreichen Glühwürmchen irgendwie nicht so lustig. Ich nach einigen Malen komischerweise in Erinnerung an Blair Witch Project auch nicht mehr. Wir haben uns im Wald verlaufen und finden den Weg einige Zeit nicht mehr zurück.



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