Regen und Reggae in Raglan

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2021
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Raglan ist die Surfer-Hauptstadt Neuseelands. Gerade mal zwei Stunden südlich von Auckland gelegen ist es doch eine ganz andere Welt. Unsere Unterkunft ist ein alter Eisenbahnwagen im Öko-Backpacker Camp von www.solscape.co.nz. An den Hängen des erloschenen Vulkans Mount Karioi gelegen überblickt es den Surf-Beach.

Irgendwann in den sechziger Jahren wurde hier der legendäre Surfer-Film „Endless Summer“ gedreht. Kennt allerdings keiner hier, und auch der lokale Ableger von United Video hat ihn nicht im Angebot. Erster Abend, Reggae-Party im einzigen Pub des Dorfes. Jeder hat blond gebleichte Locken, blaue Augen, Flip-Flops und Boardshorts. Selbst Schlümpfe gibt’s in mehr Varianten.

Ich finde diese Uniformiertheit der Surfer echt drollig. Nach drei lokalen Bieren zu jeweils exakt 4% Alkohol komme ich ins philosophieren. Surfen, das ist doch dieses ultra-individualistische Zeug mit Wellen und Wasser, oder? Ist die Uniformiertheit der Surfer vielleicht eine subversive Variante von Eigenständigkeit? Eiskalter Schauder. Neuperlach komplett in weiss und mit einheitlichen Haustüren – einfach unvorstellbar. Ich sehne mich irgendwie ein bisschen nach rotblau umrandeten weissen Tennissocken in meinen Flip-Flops.

Das Solscape ist seit meinem letzten Besuch vor fünf Jahren noch schöner geworden. Zahlreiche neue Kräuterbeete wurden angelegt, es gibt Yoga-Kurse, eine Bar und Restaurant, zwei Lehm-Häuser, einen argentinischen Barbecue-Grill sowie einen Pizza-Holzofen. Den Teig für unsere Pizza knete ich mit den Händen binnen 30 Minuten. Das Anfeuern des Lehmofens aber dauert satte eineinhalb Stunden und kostet eine dreiviertel Rauchvergiftung. Dann ist der Ofen aber auch wenigstens so heiss, dass die erste Pizza binnen fünf Minuten die benachbarte Holzkohle mit den Worten „scheiss Bleichgesicht“ anpöbelt.

Die Reisenden hier sind gut. Viele Surfer, nicht viel anderes im Kopf, aber sehr bunt. Ich grüble nur die ganze Zeit, wann wohl der richtige Wind zum Kiten kommt. Windfinder liegt in Neuseeland auch nach dem Jahr von la Nina erstaunlich häufig voll daneben. Dummerweise war die Vorhersage bis Vorgestern gut. Um es kurz zu machen: mit dem Kiten in Raglan wird’s nichts mehr. Nur an Ankunfts- und am Abreiseabend strahlt die Sonne. Dazwischen regnet es drei Tage lang fast nonstop in der Permaflaute.

In einer kurzen Regenpause fahren wir mit dem Auto eine recht verwaschene Schotterpiste um den erloschenen 750m hohen Vulkan Mount Karioi herum. Nach knapp zwei Wochen in Neuseeland wird es einfach Zeit, mit dem bisher großzügig vernachlässigtem Wander-Programm zu beginnen. Drei Wochen nach der letzten Vorbereitung hierfür sind alle Ergebnisse des Fitness-Studios bereits wieder vollkommen biologisch abgebaut.

Der Pfad geht erst schlammig durch den steilen Regenwald, dann durch brusthohes platschnasses Gras mit wunderbar rutschigen unsichtbaren Steinen darunter weiter bergauf. Der bald darauf einsetzende Regen verschlimmert die Lage nur unbedeutend. Als wir aber nach gerade mal 350 Höhenmetern die Wolkendecke von unten ohne Aussicht auf Gorillas im Nebel durchstossen, reicht es uns einfach. Wir geben auf. Nur drei Tage später sind unsere Schuhe schon wieder fast trocken.

Es gibt schlimmeres, aber auch im traumhaftesten Eisenbahnwaggon fällt Dir irgendwann die Decke auf den Kopf. In unserem Fall wörtlich. Unter einem ehemaligen Lüftungsabzug hat sich eine Spatzen-Familie eingenistet. Ab 5:30 Uhr morgens machen deren Bälger täglich einen Höllen Lärm.

Ja, ich weiss, als guter Deutscher ruft man eigentlich erst die Polizei, bevor man sich persönlich beschwert. Aber hier gibt es einfach nirgends Sonnenstühle, die man um diese Uhrzeit mit seinem Handtuch reservieren könnte. Und ich hab mich schon mehrfach dabei erwischt, alleine mit Uli Englisch zu reden. Sprich: Ich bin schon fast gar kein Deutscher mehr.

Dieser Nichtdeutsche haut also mit der Faust direkt unter dem Nest an die Decke. Resultat: Vogelkacke-Dusche. Haver a lovely organic morning! Meine Rache wird grausam sein. Ich benötige dazu einen Nudisten-Strand, wenigstens 18 Knoten Wind, einen Kite und einen tieffliegenden Vogel…

 

Still und heimlich wurde mein Blog mit dem letzten Artikel 500. Happy Birthday!

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2 Comments

TommyKrebs

In Raglan war ich auch schon. Das kleine Cafe (auf der Hauptstraße Stadtauswärts auf der linke Seite) hat mir gut gefallen. Aber gute Wellen hatte ich dort nie. Fahr mal rüber nach Mt. Maunganui. Das gefiel mir ganz gut. (Ich glaube du warst schon da…bist du nicht seinerzeit auf den Berg gelatscht?) Zur zeit lese ich zum 2. mal Picknick mit Bären von Bryson. Eines ist sicher: Wandern ist nichts für mich. Und 3.500KM auf dem AT erst recht nicht.

ff-webdesigner

Hi Tommy,

ja, war auch schon Mount Maunganui. Steht auf der Rückreise-Route. Letztes mal kein Wind und bisher dank unstetigster Tiefdruckgebiete binnen knapp 3 Wochen reisen leider erst ein einziger Tag auf dem Kiteboard…

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