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Queen Charlotte Track

Im Norden der Südinsel Neuseelands liegen die Marlborough Sounds. Hier gehen Land und Meer fliessend ineinander über: Zuerst überwiegt das Land mit seinen steilen grün bewaldeten Bergen. Dann werden die Meeresarme immer breiter und blauer. Delphin-Schulen jagen laut prustend vor den letzten Inseln in der Cook Straight. Dann ist da nur noch das Meer.

Das Wassertaxi setzt uns auf historischem Grund ab. Ziemlich weit draussen in den Sounds liegt die Ship Cove. Captain Cook lagerte hier ab 1774 auf mehreren Reisen viele Wochen lang. Auch den Maoris galt die Stelle als wichtige Station auf der Überfahrt durch die gefährliche Meerenge. Für uns ist die Ship Cove heute der Start der längsten Wanderung, die wir beide je gemacht haben.

Der Queen Charlotte Track ist einer der berühmtesten Wanderwege Neuseelands. Er folgt den Marlborough Sounds an unendlichen Buchten entlang und über zahlreiche steile Berge auf dem Weg zurück vom Meer ans Land. Unsere viertägige Wanderung auf dem Queen Charlotte Track geht über die vollen 80 km von der Ship Cove bis nach Anakiwa.

Es gibt einige Luxusunterkünfte und Campsites auf dem Weg, aber keinerlei DOC-Hütten. Wir müssen daher die komplette Camping-Ausrüstung mitnehmen. Am ersten Tag des Queen Charlotte Tracks ist das noch tragbar, denn das Wassertaxi liefert einen unserer schweren Rucksäcke am ersten Campingplatz ab. Doch die Stationen der nächsten Tage liegen teilweise mitten auf dem Bergrücken zwischen den Sounds auf bis zu 400 m Höhe. Hier geht nichts anderes, als die komplette Ausrüstung schwitzend nach oben tragen.

Einige wenige kleine Siedlungen weiter landeinwärts auf dem Queen Charlotte Track sind über Schotterpisten erreichbar. Aber die meisten erreicht man nur per Boot. Auf dem gesamten Queen Charlotte Track – und sogar in der Endstation Anakiwa, immerhin mehr als nur ein kleines Dorf – gibt es kein einziges Geschäft. Auch die Verpflegung für die vollen vier Tage wandert in unsere Rucksäcke.

Vor einigen Wochen schmunzelten wir noch über einen fränkischen Extremisten, dessen Zelt mehr kostete als mein Laptop und weniger wog als ein Tetrapack. Stolz zeigte er uns seine jeweils 4,50 € teuren Magnesium-eloxierten Aluminium-Heringe. Sein Gesicht ähnelte dabei etwas dem Gollums. Unser Extremismus liegt woanders, daher kostete unser Zelt zwar nur 60 €, wiegt aber dafür auch stolze fünf Kilogramm. Selbst mit Mini-Gaskocher, Trockenfutter, Müsli und Milchpulver wiegen unsere Rucksäcke bei der Abfahrt zum Anfang des Queen Charlotte Tracks ca. 18 kg.

In der Ship Cove scheint die Sonne. Auch jetzt in der Hochsaison steigen nur wenige Gäste für mehr als zehn Minuten aus. Ein beachtlicher Nahrungsberg türmt sich neben den gigantischen Rucksäcken zweier junger Franzosen. Anscheinend war es doch richtig, sogar die Rolle meiner Angel auszumisten. Wir machen uns auf den Weg.

Der Queen Charlotte Track steigt anfangs erst mal steil in den grünen Urwald an. Gerade, als wir uns wundern, warum der Queen Charlotte Track denn nun so berühmt sei für seine Aussichten, erreichen wir nach einer Stunde die erste Aussichts-Plattform auf einem Sattel zwischen zwei Sounds. Okay, leuchtet sofort ein: vorne grüne Bäume, unten türkis- bis ultramarinblaues Wasser. Dahinter der nächste grün bewaldete steile Landarm. Darüber strahlend blauer Himmel. Kurz: grün blau grün blau. Obwohl die Aussichten mit Ausnahme der teilweisen Ergänzung um ein weiteres grün blau auf den nächsten 80 km immer die gleiche sein wird: Jede schlägt ein.

Am Kopf des Endeavour Inlet liegt die luxuriöse Furneaux Lodge. Nach gut 20 km Wildnis sind wir mehr als bereit für kühles Ginger Beer und schön teuren Falafel-Salat. Der Kontrast zum Queen Charlotte Track könnte nicht drastischer sein. Ein Springbrunnen plätschert zwischen Ginsterbüschen auf feinstem englischen Rasen. Das Holz der Bartheke sieht aus, als hätte es unendliche Geschichten zu erzählen.

Das Ziel des ersten Tages auf dem Queen Charlotte Track ist Madsens Camp. Nach knapp 25 km springe ich ins kalte Wasser der Marlborough Sounds. Die Franzosen liegen auch schon am Steinstrand. Madsens Camp ist der private Campingplatz mit der wohl schönsten Freiluft-Solardusche der Welt. Der Ausblick auf die Sounds ist gigantisch. Ich frage mich, was zuerst hier war: die Siedlung auf der anderen Seite des Sounds oder Madsens Freiluftdusche? Egal. Die Franzosen dichten sich mit Joints ab, Weka-Hühner stehlen einer Italienerin ihre Tomaten, die Kocher zischen leise die Fertignudeln heiss, und wir sind noch vor Sonnenuntergang im Schlafsack.

Der zweite Tag beginnt sehr früh. Wir brechen schon vor acht Uhr mit vollem Marschgepäck auf, denn uns steht der mit knapp 600 Höhenmetern höchste Anstieg des Queen Charlotte Tracks bevor. Wir kommen leider nicht weit. Uli war am Vortag mit dem Fuss umgebrochen. Der Queen Charlotte Track ist dafür wie geschaffen, denn alle paar Meter schaut man, was es Richtung Meer zu sehen gibt. Dafür hält man nicht immer an, sonst bräuchte man doppelt so lang. Aber der Queen Charlotte Track ist eben teilweise auch recht felsig.

Was anfangs nicht schlimm erschien, hindert Uli heute nach nur sieben Kilometern am weitergehen auf dem Queen Charlotte Track. Anstatt auf dem nächsten Berg zu campen, schaffen wir es nur bis zur Campsite Bay. In der Nähe endet die letzte Schotterstraße in die Marlborough Sounds. Ein paar dicke Touris mit Sonnenbrillen nutzen die Gelegenheit, in der Wildnis mal schnell auf’s Klo zu gehen und trollen sich dann motorisiert zurück in die Zivilisation. Wir bleiben heute nacht hier.

Kein Handy hat Empfang, aber über das nahegelegene letzte öffentliche Telefon der Sounds ordert Uli ihren morgigen Abtransport mit dem Wassertaxi. Fish’n Chips gibt’s nebenan in der Lodge für nur 28 $, also wird das Abendessen mal wieder Trockennudeln. In der Nacht veranstalten die Vögel ab vier Uhr ein unglaubliches Konzert. Es gibt keine Pausen zwischen den verschiedenen Rufen, nur einen einzigen sehr schnell wieder einschläfernden Sound-Teppich.

Die kleine Frohnatur Francesca begleitet mich auf dem nächsten Stück des Queen Charlotte Tracks. Da wir es am Vortag nicht bis auf den Berg schafften, müssen wir heute eben rauf und runter. Diesen Abschnitt des Queen Charlotte Tracks weist die Karte mit acht Stunden Gehzeit für 26 km aus. Die Aussichten erweitern sich dank der Höhe auf grün blau grün blau grün blau grün blau. Die Sonne knallt bei 33°.

Auf der Bay Of Many Coves Campsite nahe dem höchten Punkt des Queen Charlotte Tracks treffen wir die beiden jungen Franzosen wieder. Ob ihrer – dank angeblich ganz hervorragendem Maori-Gras – dauerhaften Bekifftheit haben sie es heute schon fünf Kilometer weit geschafft. Wir überholen sie und ziehen singend bis zum nächsten Tagesziel in Cowshed Bay weiter. 600 Höhenmeter rauf und runter zeigen erste Folgen in den Beinen. Am Strand angekommen fallen wir nur noch ins Gras.

Francesca schlussfolgerte ganz korrekt: Ich sollte wirklich dankbar sein, dass sich Uli den Fuss verknackst hat. Tut mir leid für sie, aber die Vorteile liegen klar auf der Hand. Sie holt nach ihrem Invaliden-Wassertaxi voller verletzter Opfer des Queen-Charlotte-Tracks unser Auto und unsere in einem Hostel gebunkerten Lebensmittel in Picton ab. Zusätzlich kauft sie ein. Das bedeutet Luftbett statt Isomatte und fettes Futter statt Trockennudeln.

Der Wind bläst zunächst ganz gut, aber bis wir das Zelt aufgebaut haben, ist er wieder zu schwach. Das Panorama wäre der Wahnsinn gewesen, und weder das Risiko der überall bis direkt ans Ufer stehenden Bäume nebst direkt darüber verlaufenden Stromleitung noch gute sechs Stunden harter Marsch hätte mich heute vom Kiten abgehalten. Überall hüpfen Fische aus dem Wasser. Aber die blöden Dinger schnallen einfach nicht, dass sie eigentlich in meinen tollen neuen Wobbler am Ende der Angel beissen sollten. Also Tunfisch statt Frischfisch zum Abendessen.

Den letzten Tag auf dem Queen Charlotte Track gehe ich alleine. Auch einer der beiden jungen Franzosen fällt aus und nimmt das Uli-Taxi zurück nach Anakiwa. Seine Füsse hatten sich so sehr ans Perma-Schweben gewohnt, dass sie nach dem Konsum der verbleibenden Grasbestände am Morgen den Bodenkontakt als zu hart erachteten.

Der Queen Charlotte Track steigt wieder steil an. Zum ersten mal in vier Tagen ziehen Wolken auf. Das ist meine letzte Prüfung. Ich bin noch nie so weit gewandert. Die Stöcke sind heute Gold, überhaupt ist es fast schon ein Skandal, wie schnell sich meine Meinung über Wanderstöcke so drastisch von „Depperlsteckerl“ zu „Vierbeiner“ wandeln konnte. Ich nähere mich wieder dem Land. Die Meeresarme werden dünner, die Landarme dicker. Einige Mountainbiker rasen mir entgegen.

Uli bringt das ganze Gepäck mit dem Auto ins gut 21 km entfernte Anakiwa, dem Ende des Queen Charlotte Tracks. Ich muss kaum was tragen, und die Vorfreude auf das baldige Ende gibt Kraft. Ich mutiere endgültig zur Marschier-Maschine. Wie schnell ich die letzte Tagesetappe des Queen Charlotte Tracks gelaufen bin, merke ich erst bei der Ankunft in Anakiwa. Statt acht Stunden erreiche ich das Ziel binnen viereinhalb Stunden. Ich brech unter einer Palme glücklich zusammen. Uli reicht mir Ginger Beer und köstliche Neuseeländische Kirschen. Ich muss wieder gesund sein.

Im Hostel warten ein weiches Bett, eine große Dusche, und sogar ein Whirlpool. Keine stechenden Sandfliegen, kanibalistische Enten oder fleischfressende wilde Weka-Gockel. Tolle Sachen, die große Freude machen. Auch das Panorama in der Bucht von Anakiwa ist gigantisch. Nur der Wind verarscht mich wieder mal. Eben noch Hack ultra, Kite an den Strand tragen, Wind weg. Ein Cafebesitzer nebenan meint, ich solle glücklich sein. Dem einzigen anderen ortansässsigen holländischen Kiter hätte die letzte Windverarsche vorgestern einen Rippenbruch und 12 Stiche am Skalp beschert. Also bin ich halt glücklich.



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6 Kommentare zu “ Queen Charlotte Track ”

Ja, Du sollst sehr glücklich sein, denn das alles erleben zu können und dürfen und ohne Hindernisse zu durchwandern, ist einfach nur wunderbar….. Tolle Bilder, tolle Berichte.. Danke.. mom

Kommentar von mom am 9.1.2013

Hallo, Ihr Beiden,
verfolge immer wieder Euren tollen Reisebericht.
Die Wanderungen in Neuseeland sind schon der Hammer; die Natur haut einen um. Nur der Rucksck mit seinen schlappen 20 kg hat mich auch immer etwas gestört; aber das Glück soll ja auch erarbeitet sein, so dass man es um so mehr geniesst.
Weiterhin alles Gute,
Jörg

Kommentar von Jörg Fischer am 10.1.2013

das Wetter scheint zur zeit grausig:

http://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=10858399

Kommentar von TommyKrebs am 10.1.2013

@ jörg: insgesamt 180km bisher – und es wird noch deutlich mehr!

@ tommy: ja, haben wir mitbekommen, wir sitzen hier aber gerade deswegen auf der ostseite. strahlende sonne bei 30°, nur ein kleiner tornado gestern…

Kommentar von ff-webdesigner am 11.1.2013

nochmal ein paar Bilder nachgelegt….war einfach zu schön…

Kommentar von ff-webdesigner am 13.1.2013

schon wieder eine praktikantin *g*

Kommentar von Dominik am 4.2.2013

Du hast was zu sagen? Dann schreib!

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