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Null in Nelson

Reisen ist Leben. Es ist das Leben, das ich gewählt habe. Manche Freunde nannten es Flucht, andere verstehen nicht, dass ich diesen Traum Leben nenne. Jeder wählt das Leben, das er für richtig hält. Manche folgen einem guten Plan, und einige wenige vollenden ihn. Ich hab gerade den Traum irgendwo auf der Reise verloren.

Wir verordnen uns einige Tage Ruhe in Nelson, der Toskana Neuseelands. Die Kites am Beach zeichnen meine Laune: es fehlt der Wind im Segel. Ich kann vor lauter Schönheit kaum mehr die Augen offen halten. Mein Ohren können keine unglaublichen Geschichten mehr hören. Oder einfach ganz kurz: blind, taub und stumm sind ganz üble Reisegefährten.

Wir beide waren noch nie sonderlich gut im ruhig sein. Auch jetzt nicht. Mit dem Beach Cruiser durch Nelson, rauf zur Kathedrale, rein in die Stadt. Shoppen, dann erfahren: heute ist Oper im Park. Tickets kaufen, Picknick basteln, ab ins Stadion und versuchen die Ohren wieder freizubekommen. Es funktioniert. Immerwieder kommen die Endorphine hoch, wie mit fünf auf dem Volksfest.

Ich krieg kurz meine Augen auf und sehe die begabt trällernde Tenor-Tucke Thomas, der bei “O sole mio” eindeutig vom Gedanken an den Dödel seines Freundes beschwingt wird. Mir nur recht, solange dabei solche Töne und ein derart verschmitztes Grinsen rauskommen. Neuseeländische All Stars bringen bombastische Versionen ihrer Songs mit dem Wellington Symphony Orchestra. Soul-Ladys schleudern uns den Bohemian Rhapsody um die Ohren, bis ein Feuerwerk zu Orff den ersten Teil des Abends beendet.

Das Konzert der chilenischen Freunde eines Jenesens in einer zur Kneipe umfunktionierten Kirche verpassen wir danach knapp. Reisen bedeutet vor allem, immer neues zu wollen. Ich will mehr Musik. Davon gibt es reichlich auf Nelsons Partymeile, der Bridge Street. Reisen ist ein Tausch. Irgendwann fragt sich jeder Reisende, was er eigentlich zu tauschen bereit ist. Schlimmer noch. Du fragst dich das nicht. Es semmelt sich dir ungefragt um die Ohren.

Im Liquid NZ spielt ein lokaler Guitarrero Cover vor der sich aufheizenden Meute. Das Publikum könnte bunter nicht sein, zumindest bis zu dem Punkt, an dem alle ultramarinblau sind. Immer mehr Menschen tanzen. Eine Gitarre, hundert Menschen. Er spielt sich die Finger wund. Die ganze Nacht. Ohne Pause. Nach mehr als vier Stunden können wir kaum mehr stehen und beenden unseren “Ruhetag” irgendwie recht aus dem Takt gekommen schweigend nach Hause schwankend.

Unser “nach Hause” ist ein sehr feines Hostel in Nelson. Nach einem Tag Reha sind meine Dienste als Webdesigner gefragt. Meine Arbeit ist oft deutlich entspannender als Reisen. Ich lösche die Kerzenflamme an meinem Hintern und konzentrier mich auf das Feuer am Kopfende. Auf einmal gibt es wieder ein “genug”. Hoffnung.



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