Christchurchs Nachtlichter

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2013
Fr
22:02
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Das ist echt gruselig. Achterdorm im wunderbaren alten viktorianischen Rolleston House im Zentrum Christchurchs. Auch noch zwei Jahre nach dem großen Beben ist rundherum alles kaputt oder einfach nur Schutt und Asche. In jedem Bett glüht ein Laptop-LCD. Bis auf’s Tippen ist alles mucksmäuschenstill. Keiner redet. Vermutlich schreiben alle über Heimweh nach hause.

Ich bin hier der Webdesigner! Ich bin der erste und der letzte, der nachtens tippt! Abe ich fühle mich ganz großartig beim nicht tippen. Es ist wirklich unglaublich, wie sich die Reisewelt in nur fünf Jahren geändert hat. Alle hechten von Hotspot zu Hotspot, und die freien werden immer seltener. Das Reisen dazwischen verkommt zum notwendigen Übel um die Facebook Wall mit den stets gleichen Bildern zu tapezieren.

Okay, also doch noch bloggen. Der Bursche schleppt satte fünf Kameras durch die Welt. Drückt drauf wo es nur geht, hechtet von Komparativ zu Superlativ, stets gejagt von der obskuren Idee, es gäbe sowas wie eine korrekte Reisegeschwindigkeit. Und nun liegt er – letztendlich doch als letztes Geisterlicht im Dorm – wach und schreibt? Was sollte daran besser sein?

Akaroa ist die Cote d’Azur Neuseelands – farblich und von der Temperatur her. Normalerweise. Der Himmel bleibt grau, und das sonst azurblaue Meer im Krater des alten Supervulkans spiegelt ihn genauso wieder. Wir fahren mit dem Schiff zwei Stunden umher, aber mehr als den Schwanz eines Hektor-Delphins gibts es nicht zu sehen. Abends campen wir in der Okains Bay an einem der potentiell geilstens Kitespots Neuseelands. Das Wasser ist warm, der Regen kalt, der Wind weg.

Am nächsten Tag heizen wir durch Wolken über den Kraterrand rüber nach Christchurch zum Buskers Festival. Kleinkünstler werden groß vermarktet: die fünf Hauptsponsoren des Festes sind allesamt mit dem Wiederaufbau Christchurchs hoffnungslos überlastete Baufirmen. Vor fünf Jahren waren die Gaukler überall im Stadtzentrum. Doch das ist noch für lange Zeit Sperrgebiet, eine „Red Zone“ mit einsturzgefährdeten Gebäuden oder bereits zu staub geplätteten Parkplätzen. So findet das Festival im Hagley Park statt.

Die Sperre vor dem zentralen Cathedral Square wird von Militär bewacht. Der Turm der Kathedrale ist eingestürzt, der Rest hängt aussen notdürftig abgestützt. Das Theater steht halb offen im Wind. Staubwolken fegen über leere Plätze. Hinter den Absperrungen tummeln sich mehr orangene Bauarbeiter als auf einem Fraggles-Gangbang. Presslufthammer tönen aus den Hochhäusern. 185 weisse Stühle auf Gras. Ganze Straßenzüge sind bedeckt mit verbrannten Hausüberresten. Auch neue Gebäude sind so stark beschädigt, dass sie nicht mehr betreten werden dürfen. In der Not-Bibliothek fragt mich ein Reisender ohne Vorwort, ob ich sein Auto kaufen wilI. Jetzt fühl ich mich endgültig wie in Mad Max.

In den letzten zwei Jahren gab es 11.000 Nachbeben in Christchurch. Auch gestern wurde eines mit 3,3 auf der Richterskala gemeldet. Gespürt haben wir davon nichts, vermutlich wegen der Abendgestaltung. Wir schleichen uns Ginger-Beer-schlürfend auf ein Metal-Konzert im nahen Dux Live Club. Das Publikum ist schwarz-bunt gemischt. Vor allem über die zahlreichen Dämchen in den hochhackigen Schuhen zwischen den kajal-geschminkten Neo-Metro-Punkern muss ich irgendwie grinsen. Die Gäste der legendären Wunderbar in Lyttleton am Vorabend waren deutlich eintöniger.

Eine Nacht schlafen wir in einem alten Kloster in New Brighton am Strand. Uli kann man keine fünf Minuten alleine lassen, schon hat sie neue Freunde. In diesem Fall ein trinkfester Bauarbeiter aus Südafrika. Christchurchs Wiederaufbau ist sowas wie der neue Goldrausch, die einzigen noblen noch stehenden Gebäude im Stadtzentrum beinhalten allesamt Architekten und Baufirmen. Wir fahren nochmal ins Dux Live auf ein grandioses Gratis-Konzert von Superfood. Ich werd nie wieder mit einem Bauarbeiter trinken gehen. Die Erde bebt.

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