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War!

Satte House Beats dröhnen heftig über das Ende des einsamen Strandes kurz vor der Albanischen Grenze. Glückseelige Menschen träumen müde vom Tanzen auf Sand. Ich bin mitten drin und ganz woanders, will heute nacht einfach nur noch schreiben, schreiben bis der Akku meines uralt-Handies leer ist. Schreiben, bis ich endlich leer und ruhig bin.

Montenegrinischer Wein ist gut, und er floss heute mehr als reichlich. Der lokale Houseparty-Koksdealer reagiert fast schon mitleiderweckend enttäuscht auf die bescheidene Abweisung dieses weiss-belaibten No-Pats. Sein Umsatz kommt heute garantiert noch, die Massen schreien nach dem Vergessen von Nichts, während ich mich ansatzweise verzweifelnd daran versuche zu erinnern, wie wir hierherkamen.

Der Weg war lang und beschwerlich, doch wie immer: ein wertvoller. Gnädigerweise ergänzte TomTom die eigentlich 12-stündige Anreise ab Graz um drei weitere Stunden permaschlaglochgekrönte einspurige Schaf-gearnierte Bergpisten durchs nächtliche Kroatische Hinterland. Ankunft in Ulcinj nach 15h um Mitternacht.

Unsere Wirte sind gute Menschen. Zum Checkin gibt’s eine Flasche Wein. Der Sohn fährt uns zu den Fussball-glotzenden Kitewoldwide-Kaffeefahrtzombies. Das einzige „extrem“ bei diesen „Sportlern“ sind ihre Ausgaben. Ihre Strandliegen kosten Nichtmitglieder mehr als unsere Zimmer. Wir zahlen gerne, Dekadenz ist selten derart amüsant-subversiv zu substituieren.

Wir trampen zwei Kilometer nach Stoj, bringen einen Pizzabäcker dazu, uns vier Kilometer weit an den falschen Strand zu fahren und werden als Hanseatisch/Bayerische Reisende analog von Bosnisch/Serbischen Kitehippies auf noch mehr Wein am Lagerfeuer eingeladen. Wir schlagen uns durch’s Dickicht zur nächsten Strandpiste, nur um die Fahrt zum Ende der Welt im Renault eines reichlich angetrunkenen Montenegrinischen Rallye-Pärchens knapp zu überleben. Wir sind da. Wo auch immer. Ich geh tanzen.

-exeunt-

Ich steh auf dem Parkplatz. Warte auf einen Ride zurück. Frage mich massiv, ob ich vielleicht doch lieber Sechs Kilometer laufen sollte. Montenegrinische Alkoholkontrollen scheinen erstens die gleiche Frequenz wie der Halleysche Komet zu haben und zweitens immer zu Gunsten eines jedweden noch so zurecht Angeklagten auszugehen.

Drei Uhr. Ich wandere irrtümlicherweise zwei Kilometer in die falsche Richtung bis zur Albanischen Grenze. Gerade als ich der Welt einfach nur noch ein tendentiell bös gemeintes „FICK DICH!“ in seine heute recht trostlose blickende Fresse schleudern will, fahren mich zwei dichte Burschen aus Montenegro/Serbien vom Ende noch-nicht-Europas nach hause.

Meine Hanseatin weck ich auf der Suche nach dem Danke-Stiegl im Kühlschrank auf. Zwei Stunden später sind die beiden Brüder „Beam me up Scottiy“ noch ein bisschen weniger fahrtüchtig als zuvor, aber beherrschen garantiert Teletransportation aus dem FF. Fünf Uhr. Vielleicht erfuhren wir ein bisschen mehr darüber, warum Hass gegen Hass immer Scheisse ist. Das soll reichen.

Die nächsten Tage sind trostlos. Sechs Tage Flaute nutzen wir für eine große Tour rund um den Skadar See an der Albanisch-Montenegrinischen Grenze. Der Wind ist nur hier jeden Tag ab drei gut, die Startplätze minestens herausfordernd, und garantiert allesamt schwer zu erreichen.

Keine Menschenmassen stürmen über die Grenzen, sie bleiben alle auf der Ost-Balkanroute. Hier kümmert die Menschen anderes. 20% Arbeitslosigkeit und ein Durchschnittseinkommen von 300 € im Monat mögen weniger hart als in den Ländern sein, in denen das Leben bei gleichem Einkommen vier Mal mehr kostet. Aber eine seit Jahrhunderten dezent als „kompliziert“ zu bezeichnende Geschichte mit einem Krieg nach dem anderen gebiert andere Notwendigkeiten.

Ein für die UN in Bosnien abeitender Schweizer Kiter ergänzt meine Reise-Geschichte: 9.000 € im Monat zum Auffinden von Korruption und Kriegsverbrechern scheinen erst mal recht viel zu sein. Vielleicht herrscht sogar die eigentliche Korruption vor allem auf der Seite derjeniger, welche selbige eigentlich zu bekämpfen zu behaupten. Trotzdem: wer sollte sich darum kümmern, wenn weder Opfer noch Täter dazu irgendwelche Motivation verspüren? Wieviel haben wir, und vor allem: wie viel haben wir genommen, ohne dass irgendjemand jemals schnallte, dass man dafür eigentlich zahlen sollte?

Sowohl Milošević als auch Karadžić, beides Kinder Montenegrinischer Eltern und mehr als passende Adoptions-Anwärter Hitlers wären aufgrund der Suche Europas in Den Haag verurteilt worden. Slobodan erlag im Gefängnis von Den Haag einem Herzinfarkt. Radovan bleibt auch nach Jahren unter strittigen Umständen weiter ein Angeklagter. Die Suche nach beiden kostetete mehrere Millionen Euro. Hätten wir sie nicht gezahlt, wären beide niemals angeklagt worden.

Es klopft laut am Fenster. Ich denke zunächst einige Zeit, das Hansa und Schweiz noch mehr Wein mit mir trinken wollen. Die Wahrheit ist aber einfacher. Jemand hat die Tür Haustür zugesperrte. Ich weiss weder wer es war, noch kenne ich den Grund dafür. Das einzige, was ich weiss: Ich wurde stinksauer, weil die „am-Fenster-Klopfer“ keine Ruhe geben wollten, während ich einfach nur zu ProPain-Knüppelmetal meine Story schreiben wollte. Hab laut geschimpft. Schwups: Krieg. Es ist fast wie Jugoslawien in den 90ern. Unseren Krieg konnte ich retten. Krieg passiert schnell, und oft ohne dass irgendjemand den Grund versteht. Manchmal gibt es schlichtweg keinen. Das einzige, was immer gleich bleibt? Kinder weinen, bevor sie ertrinken.



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