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Sandsturm in der Sahara

Motorhead spielen nicht direkt nach Marianne und Michael. Genauso wenig geht das letzte Grün vor der Sahara direkt in reine Sanddünen über. Nach dem Grün kommt die Steinwüste. In ihr verteilen sich erste Inseln aus Sand. Die letzten Flüsse laufen im Nichts aus. Noch zwei Bergrücken, dann sehe ich in der Ferne nur noch flimmernde Sanddünen. 52 Tage bis Timbuktu.

Auch das davor gehört für die Touareg schon zur Sahara. Große Kasbahs verkunden alte Karawanengeschichte. Die Temperatur steigt auf knappe 40 Grad. Das ist recht wenig, erklärt mir eine Teerunde im Schatten einer Kasbah. Schon bald wird es hier bis zu 55 Grad heiss. Alle halbe Stunde kommt ein Auto vorbei, fast nur Jeeps, kaum Touristen.

In M’Hamid endet die Straße, 42 Kilometer vor dem, wie ich mir die Sahara vorstellte. Ein Schild warnt “Attention! Desert!”. Ich muss grinsen. Zum ersten Mal auf allen meinen Reisen glaube ich der Aussage, dass ich mit meinem Auto hier nicht mehr weiterkomme. Nur noch Jeeps. Sogar die oft genug nur mit Hilfe eines anderen. Lehmmauern stemmen sich verzweifelt und oft vergeblich gegen Wanderdünen. Die Straße wird beidseitig durch Strohmatten vor dem Zuwehen geschützt.

Es ist unglaublich still. Der Autofokus meiner Kamera wird zu ohrenbeleidigendem Lärm. Ich höre ein Auto näher kommen. Zehn Minuten später sehe ich es auch. Eine Sandhose fegt über die Straße und spielt mit einem letzten Baum. Wenn die Doors ein Video zu “The End” gemacht hätten, dann sicher hier. Ich kehre um und fahre 40 Kilometer zurück nach Tigounite zum Treffpunkt für mein Sahara-Biwak.

Weniger als eine Stunde später weiss ich, dass ich nur Hummeldumm für arme bin. Urplötzlich bricht ein Sandsturm über Tigounite herein. Die Sichweite sinkt auf unter 100 Meter. Ich hole meinen Guide ab, und nur 30 Minuten später kommen wir auf einer Piste an, die ich von der Rallye Paris Dakar 2006 kenne. Wertungsprüfung, fünfter Tag, durch die echte Wüste. Das hier ist die Sahara, nur fünf Kilometer neben der Straße. Der Guide feuert mich an: “Plus vide, il faut passer du sable!”.

Es holpert und rumpelt, dann bleib ich ein paarmal beinahe in kleinen Sandfeldern stecken. Die Stoßstange schlägt auf und stülpt sich reparabel nach innen. Sandböen hacken über die Waschbrett-Piste. Die Fenster müssen wir schließen, die Temperatur steigt ins Unermessliche. Eine halbe Stunde später kommen wir im Beduinencamp an. Ja. Genau so solls sein: Ein paar Zelte. Große Dünen. Und ein fetter Sandsturm über der Sahara.

Der Berber erklärt mir, dass es oft einen Sandsturm gibt, wenn es im nördlichen Atlas regnet. Dort hat es die letzten fünf Tagen in Strömen geschüttet. Der Sandsturm fällt entsprechend heftig aus. Feiner Staub kriecht binnen Sekunden in alle mir bekannten und zwei mir bisher unbekannte Körperöffnungen. Sogar im Gästezelt liegt ein Zentimeter Sand auf den Tischen. Aus der dem Wind zugewandten Fleckerlteppich-Tür komm ich erst kaum raus, dann gar nicht mehr rein. Das Zelt wackelt. Ich trink noch einen Tee und verdöse dann mit auf meiner Nase Salsa tanzenden Fliegen den heftigsten Teil des Sturms.

Nach zwei Stunden hat sich der Sandsturm etwas gelegt. Es sind jetzt nur noch ca. 30 Knoten. Ich lasse mir zeigen, wie man den Touareg-Turban korrekt knotet, ziehe die dichteste Sonnenbrille auf und packe die Kamera in eine Tüte. So soll Wüste sein…vielleicht mit etwas weniger Wind und mehr Sonne, aber so ist’s auch gut. Ich steige steile Dünen rauf und runter. Der Sand ist feinster jungfräulich Staub, keine Spuren, ich bin der einzige hier. In Merzouga sieht man sogar auf den Bildern professioneller Photographen stets Spuren im Sand. Bilder schießen ist jetzt schwer möglich, soagr in 1,70m Höhe wird die Kamera sandgestrahlt. Der Himmel bleibt auch heute diesig.

Mein Glück wird herb unterbrochen. Urplötzlich schiebt sich eine Lawine akustischen Mülls unterster Kategorie durch meinen Turban. Ich blicke in Windrichtung und sehe ein Zirkuszelt vom Format Zirkus Krone. Es ist bestimmt einen Kilometer entfernt, aber es hört sich an wie direkt vor mir. Davor stehen bestimmt 50 Jeeps. Unlgaublich lauter All American Shit Hop verzerrt mir das Gesicht. Was soll das? Das ist, als würde man auf einen Altar kacken! Könnt ihr nicht mal in der Wüste Ruhe geben? Einzig mein Guide verhindert meine geplante Petition an Al-Kaida (Ich zahle Material und Müllentsorgung, ihr besorgt den Rest): Die Party sei eine Ausnahme.

Ich ging in die Wüste mit der Angst, die Stille vor lauter Tinnitus nicht hören zu können. Ist vollkommen unbegründet. Die Wüsten-Wichser einen Kilometer weiter haben einen schönen lauten Dieselgenerator. Den benutzen Sie, um mit noch lauteren Techno der übelsten Sorte bis vier Uhr morgens die Wüste zu verpesten. Krönender Abschluss ist ein Massengangbang auf Quads. Die Spuren am Morgen sagen: sturzbesoffen.

Ich stehe vor Morgengrauen auf, schnüre meinen Turban und gehe in die Dünen. Jetzt herrscht endlich Ruhe. Jetzt ist die Wüste wie sie sein soll. Ein leichter Regen setzt ein. Ich gehe die Dünen rauf und runter und bin glücklich. Zwei Stunden später sind meine Berbischen Gastgeber immernoch nicht wach. Ich wecke sie und verabschiede mich auf einen weiteren langen Weg.

Auf der Straße zurück Richtung Tamegroute überholen mich einige Jeeps. Es sind die Wüsten-Wichser aus Zirkus Krone. Sie fahren tagsüber genauso, wie sie nachts feiern. Links runter vom Teer, ab in den Schotter. Steine springen hoch, und ich hab ein weiteres schönes Loch in der Frontscheibe.

Jeder Jeep hat eine Nummer. Kommando-Karawane Wüsten-Koma. Aus dem Jeep mit der Nummer 31 kotzt einer der Wüsten-Wichser. Auf meinem jetzt wieder legalen Ipod läuft gerade “Night Falls over Kerbala”. Ich hab oft Probleme zu erkennen, was gut ist. Ich sollte dankbarer sein, wenn sich mal die Möglichkeit bietet, etwas abgrundtief und vollkommen zu hassen und zu verachten.



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