Der Touareg

1505
2011
So
20:18
Tag
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Fünf Tage Dauerflaute sind mehr als ein Kitesurfer ertragen muss. Ich miete ein Auto und breche noch vor Morgengrauen auf. Die Straße nach Marrakech führt von diesigem Mad Max über Toskana ohne Zypressen in die grüne Kornkammer vor dem hohen Atlas. Wegen des Bombenanschlages in Marrakech sind die Polizeikontrollen dezeit ähnlich dicht wie im goldenen Dreieck – nur die Bewaffnung ist etwas dezenter.

Nach nur einer Stunde Fahrt erlegt mich ein Polizist mit der Laserpistole. 20km/h zu schnell. Mein deutscher Führerschein rettet mich wie schon in den USA vor Strafe. Wir haben anscheinend weltweit Narrenfreiheit wenn’s ums rasen geht. Wenig später folgt mir die Polizei mit Blaulicht, und diesmal wird mein Magen unruhig. Sie überholen. Umsonst.

Die Überquerung des hohen Atlas ist heftig. An den kargen Berghängen hängen die Lehmbauten der Bauern. Es riecht nach Himalaya. Felsen in buntesten Farben, grüne Wälder und Täler, Steinwüsten und Hochwiesen wechseln sich ab. Die Farben frisst ein vollkommen diesiger Himmel, sogar am höchsten Pass auf über 2200m. Als einziger Weisser durchquere ich chaotische Markttage in kleinen Bergdörfern. Die Luft riecht nach Kiefern und 1000 Kräutern.

Gleich auf der Südseite des Passes ändert sich die Landschaft. Der Regen fällt fast nur auf der Nordseite. In den letzten Tagen so viel, dass wieder mal einige Straßen komplett weggespült sind. Einige Menschen sind gestorben. Die Südseite läuft immer trockener werdend in die Sahara aus. Erste Kasbahs, mehrere Jahrhunderte alte nur aus Stampflehm und wenig Holz gebaute Sippenschutzburgen und Speicher verfallen entlang der Straße. Auch ich verfalle zunehmend. Die letzten zwei Nächte in der Piratenhöhle brachten kaum Schlaf.

Meine Rettung ist die Geschichte dieses Tages. In der Steinwüste zwischen den letzten Dörfern vor der Sahara steht ein waschechter Tuareg in voller blauer Montur. Sein Dromedar ist hinüber. Es hört auf den Namen Honda Civic, er auf den Namen Abdullah. Ich nehm ihn mit in das 50km entfernte nächste Dorf. Auf der Fahrt erzählt er von Karawanen. Gerade als ich wie immer beim Geschichtsunterricht noch müder werde, erwähnt er beiläufig, dass die nächste Karawane im Juni aufbricht.

Ich bin hellwach. Was transportiert ihr heute? Schmuck und Menschen. Nicht alle Touristen, auch Arbeiter und Journalisten. Wie lange dauert das? Drei Monate pro Weg. Wohin? Nach Mali. Warum? Es ist Tradition, und die ist heilig. Abdullah riecht wie ein Gewürzladen. So vorlaut ich sonst immer bin, ich traue mich nicht zu fragen, ob er das ist oder ein Parfüm.

Er berichtet von den Bemühungen der Touareg, die Rallye Paris Dakar wieder dahin zu bringen, wo sie hingehört. Sie brachte den Touareg viel Arbeit. Er zeigt mir Täler und warnt vor blitzenden Polizisten. Jede seiner Bewegungen strahlt Ehre und Würde aus, alleine die Verabschiedung ist eine kalligraphische Geste.

Ich ändere auf seinen Tipp hin den Plan. Warum 300 km weiter nach Osten fahren, wenns auch hier im Süden riesen Sahara Dünen gibt? Dazu auch nicht so brachial touristenverseucht wie Merzouga und Erg Chebi? Natürlich hat er einen Onkel, der Übernachtungen in der Wüste anbietet – recht teuer, aber wie oft kann man schon mal in der Sahara schlafen? Ich buche eine Nacht Sternenhimmel und Beduinenzelt in der Sahara.

Die letzten Kilometer fahre ich alleine durch’s letzte Grün vor der Wüste, das Dra Tal nach Zagora. Starker Wind weht Sand über die Straße. Eh klar, meine Kites sind in Essaouira. Grasende Esel stehen unter Dattelpalmen. Frauen schneiden Getreide mit der Hand. Meine Unterkunft ist eine alte Kasbah. Der Garten ist Eden mit Blumen und grasenden Zicken. Der Tee ist wie immer gut. Die Lehmwände sind kühl.

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