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Kitesurfen auf den Kapverden

Vom ersten Kitesurfen auf den Kapverden war ich recht enttäuscht. Die Kapverden liegen mitten im Atlantik – also nicht ganz aber doch ein nettes Stück vor der Sahara. Man sollte meinen, der Wind wäre laminar. Ist er aber überhaupt nicht. Er ist extrem böig, jetzt im November ständig von 10 bis 17 Uhr im Sekundentakt wechselnd zwischen 12 und 28 Knoten. Unabhängig, an welcher Küste.
 
Ein Tauchlehrer am Strand von Estoril hat einen Zodiac für die Recue. Die ist dringend nötig: Maximal 5 Kiter auf 10km, Wind 75 Grad ablandig. Es gibt zwar noch eine kleine vorgelagerte Insel in Windrichtung. Ansonsten lautet der nächste Stop aber Brasilien.
 
Es gibt keine schlechten Bedingungen, es gibt nur zu wenig Erfahrung.  Ich geh raus und zieh meine ersten Bahnen. Ein Ritt auf einem Bullen. Ich stelle meine Depower recht stark ein. Resultat: Eine Böe lässt den Kite ziemlich weit über mich schießen. Das Windloch danach bremst ihn nicht ab. Der Wind geht wieder an, Kite kriegt eins auf die Kappe und fällt aus dem Himmel. Eine Line wickelt sich um den Tip. Ich brauche fünf Minuten, um den Kite wieder in die Luft zu bekommen, und weitere 10 Minuten, um zurück nach Luv an den Strand zu kommen. Das reicht erst mal.
 
Auf Boa Vista gibt's eigenartige Korallen. Nicht scharf, sondern rund. Sehen aus wie Hirn oder Blumenkohl. Diese Korallen liegen überall, auch am Strand von Estoril. Eine beisst mich trotz ihren Rundungen beim Aussteigen ordentlich in den Fuß und hinterlässt eine nette Schnittwunde, die sich in den nächsten Tagen einfach nicht entscheiden kann, ob sie jetzt ausheilen oder sich böse entzünden will.
 
Zwei Tage später jubeln die Surfer. Ein Mords Swell rollt auf Boa Vista an. Am Strand gibt's 1 bis 1,5 m hohe Wellen. 20 bis 50 Meter weiter draußen verschwinden halbe Masten von Windsurfern hinter den Wellen. 25 Knoten reissen die Gischt von den Wellenkämmen, daß Peter Jackson seine wahre Freude daran gehabt hätte. Am äußeren Riff brechen Monster. Wegen den ca. 3 km Entfernung ist es schwer zu sagen, wie groß die sind. Fünf oder mehr Meter würden mich nicht wundern.
 
Vor der Tortuga Bar ist der Wind am Nachmittag etwas schwächer, die Wellen niedriger. Der Tauchlehrer samt Boot ist weg, aber der Kitelehrer meint, die nächste Schule hätte ja einen Jetski. Ich sag trotzdem den Regensburger Mädels: falls ich irgendwann weiter als 200 m draußen bin, stimmt was nicht. In dem Fall organisiert bitte umgehend ein Fischerboot im nahen Hafen.
 
Ich geh raus. Wind: Normbereich, etwas weniger böig. Fast schon zu schwach um Höhe zu laufen, daher beschließe ich schon nach wenigen Minuten lieber auf Boa Vista als in Brasilien an Land zu gehen. Beim Einlauf erwische 80 m vom Strand eine kleine Welle recht dumm. Ich verliere mein Brett und verreiss den Kite. Der Wind ist zu schwach, um mit Bodydrag Höhe zu laufen. Ich bemühe mich lange, aber als ich ca. 1km weit draußen bin weiss ich, dass es Zeit wird für Selbstrettung. Ich ziehe die Safety.
 
Ich wickel die Vorderleinen auf. Der Zug ist sehr stark. Ich brauche lange, um mich bis zum Kite hochzuarbeiten. Ich versuche möglichst viel die Bar einzusetzen, aber meine Finger kriegen trotzdem einige tiefe Schnitte von den Leinen. Gerade als ich den Kite eingewickelt hab, kommt nach ca. 30 Minuten ein Fischerboot. Danke, Mädels!
 
Der Fischer kann nicht zum flachen Strand. Die letzten 300 m muss ich trotzdem mit Kite durch die Brandung. Ich fall auf den Strand wie Robinson Crusoe. Mein Herz rast. Scheisse, war das anstrengend. Das war Todesangst. Man glaubt kaum wie unendlich Zeit erscheinen kann.
 
Der Kite Instructor geht mich an: Ohne Rescue raus, ob ich des Wahnsinns sei. Ich hatte eine Rescue, wäre fein wenn ihr auch eine anbieten würdet. Warum ich ohne Schuhe raus sei? Weil ich zwei paar daheim hab, und bei 10 € am Tag für Surfergamaschen einfach nicht mitmach. Vor allem der Ton, direkt auf Todesangst folgend ist soweit wie nur irgend möglich: voll daneben.
 
Wenig später merke ich, daß es nicht an mir lag. Der Instructor benötigt eine Rescue. Die Schule nebenan hat einen Jetski. Aber sie verweigern die Rettung mit der Begründung, keiner hätte eine Lizenz. Diese Forderung ist bei der Kapverdischen Rechtslage ungefähr so idiotisch wie ein Freischwimmerschein für Forellen.
 
Der Konkurrenzkampf zweier Kiteschulen führte dazu, daß ich 1.) einige Zeit richtig tolle Todesangst hatte. 2.) Mein Kiteboard verloren habe. Alles Gute auf deinem Weg nach Brasilien! Und zuletzt: dass ich sicher sehr lange stinksauer bin. Das ist eine derart gemeine Art der unterlassenen Hilfeleistung, ein so eiskaltes Verbrechen, daß sich diese Wichser von der Kite Schule bloß in den nächsten acht Tagen gut verstecken sollten. Sonst gibt's eine Schlagzeile "Kitelehrer von Kiteboard enthauptet". Ich nenne das dann erstattete Hilfestellung. So, muss los, neues Board mit scharfen Kanten suchen…


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1 Kommentar zu “ Kitesurfen auf den Kapverden ”

Ein toller lebensnaher Bericht über deine Surf-Erfahrung auf den Kapverden. Wie sich doch die Eindrücke unterscheiden. Eigentlich heißt es ja, dass der Passatwind auf den Kapverden gleichmäßig ist und deshalb ideal fürs Surfen ist.

Kommentar von Stefan am 21.9.2013

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