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Boa Vista Social Club on Tour

Ich lasse mich von zwei Mädels zu einer geführten Tour an den schönsten Strand breitschlagen. Geführte Touren mag ich nicht, denn das bedeutet, daß einer weiss wo's langgeht, das Ziel definiert ist und keine Überrraschungen zu erwarten sind. Alle drei Punkte sind elementare Widersprüche gegen echtes Reisen.
 
Reisen heisst entdecken. Reisen heisst überrascht werden, positiv und negativ. Reisen heisst: der Weg ist das Ziel. Gerade als mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, weiss der Guide, der mit uns hinten am offenen Pickup sitzt offenbar nicht mehr, auf welchem der vielen Feldwege es zum schönsten Strand geht. Ich atme auf.
 
Der Strand von Santa Maria liegt im äußersten Süden von Boa Vista und ist definitiv nur mit Offroad-tauglichen Fahrzeugen zu erreichen. Ein paar Mauerreste von Fischerhütten stehen einsam im Wind. Sonst ist er genau so, wie man sich eine Pirateninsel vorstellt: Goldener Sand, türkises Wasser, schroffer Fels und große Wellen. Ein Autowrack rostet einsam in der Steinwüste dahinter. Und leider, wie überall auf Boa Vista: Wo der Mensch war ist der Dreck. Er bleibt liegen. Immer und überall.
 
Die Gruppe besteht größtenteils aus Italienern. Da keine notgeilen jungen Balz-Gockel dabei sind kann ich damit leben. Der Strand ist groß genug für alle. Ich laufe weit in beide Richtungen. Leider sind die Konditionen zum Kitesurfen so schlecht, wie die Hostelchefin prophezeite. Es gibt eine starke Strömung. An vielen Stellen schroffe Korallenfelsen und ein Riff. Ein kurzer aber gewaltiger Shorebreak. Wind 80-90 Grad Offshore mit stark wechselnden 10-25 Knoten.
 
Das alles würde mich nicht abschrecken. Das endgültige KO eines Kite-Ritts im Paradies ist die Tatsache, dass das nächste Fischerboot mindestens 20km entfernt ist. Kein einziger weiterer Kiter. Keine Rettung. Ich fühle mich wie Sonntags Kochbuch lesen mit Mords Hunger und leerer Speisekammer. Oder ein frisch gebackener Ex-Knacki beim ersten Besuch in einer Lapdance-Bar. Das schöne und zugleich grausame am Kitesurfen ist, dass es weniger darum geht, dass man weiss, was man kann. Es geht darum zu wissen, was man nicht kann.
 
Ins nächste kleine Dorf fahren wir 30 Minuten über derbe Pisten. Dort gibt's Ziegenkäse, Bockbier, Wein und frischen Fisch vom Grill. Alles sehr lecker, doch die unglaubliche Lautstärke der Italiener beim Essen geht mir irgendwann auf den Senkel. Ich hock mich vor die Dorfkneipe. Dort sitzen ein paar vom Grog aus Sao Antao recht angeheiterte Kreolen und spielen richtig feine Kapverdische Musik mit Ukelele und Gitarre.
 
Sie bieten mir Grog an, meine Zigaretten gehen drauf, und der Meister lehrt mich erste Griffe auf der Ukelele. Nach den zahlreichen Getränken haut das bei mir nicht mehr so richtig hin, ein riesen Spaß ist es trotzdem. Die Verständigung geht ob mangelnder gemeinsamer Sprache mit Händen, Füßen und Musik. Meine Überraschung ist da.


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1 Kommentar zu “ Boa Vista Social Club on Tour ”

Hallo Frank, heißt das, dass Du überhaupt nicht kiten kannst? Wäre schon schade. Aber eine neue Welt zu erleben ist die Reise wert. Gruß, Peter

Kommentar von Peter am 23.11.2009

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