Sardinien schläft

0204
2016
Sa
21:22
Tag
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Wie ein Geier ziehe ich in meinem Panda immer enger werdende Kreise auf der Suche nach meiner ersten Unterkunft auf Sardinien. Fehlende Adressen sind kein Problem. Dazu werden Sie erst, wenn man keine Menschen findet, die man nach dem Weg fragen kann. Alles ist geschlossen, die Straßen völlig leer, die Häuser verbarrikadiert.

Zwar sprechen auch heute wenig Italiener Englisch, aber sie verstehen mein Spanisch – und ich ihre Italienischen Antworten, zumindest gut genug um festzustellen, dass jede Antwort in die entgegengesetzte Richtung der vorherigen weist. Sardinien schläft noch tiefsten Winterschlaf. Ich bin Universalsolist beim Essen, fahren, laufen und reisen. Es ist kalt und regnet, aber ich fühle mich wohl.

Nach einem kleinen Ausflug auf die Burg von Posada breche ich früh am nächsten Morgen auf ins Sardische Bergland. Die Tombe dei Giganti ist ein 3500 Jahre altes Grabmal. Jahrhunderte begrub jede neue Eroberungs-Kultur seine Toten darin: die Phönizier, die Römer und viele weitere Oldschool-Fans. Heute äsen die Schafe gelangweilt auf der Weide drum herum.

Nur wenige Kilometer weiter befindet sich die größte Nuraghische Siedlung Sardiniens mit den Grundmauern von 70 bis zu 3300 Jahre alten Steinhäusern. Ich schleiche durch alte Gassen über Gänseblümchen und stellt mir vor, wie die Menschen wohl den Raum belebten. Nichts stört mich beim träumen, vor allem keinerlei andere Besucher.

Die Provinzhauptstadt Oliena trennen gerade mal 18 Kilometer von der ehemaligen Banditen-Hauptstadt Orgosole im extrem schwer zugänglichen Supramonte. Da die Regierung lange keine Lust hatte, den dortigen Entführern und Räubern den Weg in die Zivilisation zu ebnen, wurde die Straße erst in den 90er Jahren asphaltiert. Rasenden Integrationswillen beweisend heizten sich daraufhin die schlimmsten Banditen auf der steilen kurvigen Straße zu Tode. Hinter jeder Biegung winkt mir ein Blumenstrauß zu. Heute sind die Banditen braver geworden und malen sozialkritische Murales an die Wände ihrer abweisenden, sich in die Berghänge krallenden Häuser.

Der Monte Spada bei Fonni trägt noch letzte Schneekronen auf seinen 1595 Metern. Dahinter liegt der noch höhere Bruncu Spina, und direkt neben der Straße satte zwei Meter Schnee vor dem bereits in Sommerschlaf gefallenen einzigen Schlepplift Sardiniens. Ich bin überrascht und freue mich – aber etwas anders hatte ich mir Sardinien im April dann doch vorgestellt. Die Temperaturen gehen, ich fahre auch mal nur mit Tshirt eine Stunde Snowboard wenn das Wetter passt – aber zum Kiten kommt noch nicht wirklich Lust auf.

Here Maps schickt mich immer wieder auf bestenfalls mit Jeeps befahrbare ausgewaschene Gebirgspisten, die laut Beschilderung auch nicht dorthin führen wo ich hin will: auf die andere Seite der Barbagia Richtung Meer. Die einzige Straße ohne vier Stunden Umweg ist ob einiger Erdrutsche gesperrt für jeden Durchgangsverkehr. Ich ignoriere das, denn die Polizei ist hellauf mit massig Kontrollen auf vielbefahrenen Straßen beschäftigt – hier oben kommt mir bestenfalls mal alle halbe Stunde ein Auto entgegen – das dann aber meist sehr weit auf meiner Seite.

Nirgends auf der Welt gibt es längere durchgezogene Mittelstreifen als auf Sardinien. Ob den extrem steilen Berge und vielen Kurven ist das gerechtfertigt. Aber nach 60 km hinter einem qualmenden Kröten-Laster muss man anscheinend durchdrehen und überholen. Einmal ist keinmal, und so überholen die Sarden wirklich überall, vorzugsweise da wo man wirklich weit und tief fliegt.

Unbestätigten Gerüchten zufolge haben Sarden sieben Jahre keinen Sex, wenn sie einen gestrichelten Mittelstreifen kreuzen. Doch wie alle Italiener sind halt auch die Sarden gigantisch geile Gockel. Mit den unendlichen durchgezogenen Mittelstreifen trägt die Sardische Regierung zwar mit 1,27 € je Liter ungemein zur Steigerung des Weltmarktpreises für weisse Farbe bei – aber fördert das Bevölkerungswachstum ganz ungemein.

Auf der Meerseite krallen sich die Bergdörfer in noch steilere Felshänge. Sterben in einem Jahr mehr als 10% der Dorfbevölkerung durch Steinschlag, verlagern die Bewohner das Dorf einfach ein bisschen bergauf, genug Steilhänge haben sie ja die Sarden. Weiter oben fallen weniger Steine und weiter unten streif ich dann durch zauberhafte verlassene und zerfallende Geisterdörfer wie Gairo. Die einzig intakte Mauer begrenzt Friedhof. Davor heult ein Hund. Richtig was los hier im Vergleich zum Rest von Sardinien.

Mein Tagesziel, die Gebirgsstadt Lanusei erreiche ich nach gut 500 km Achterbahn, neun Stunden und laut GPS ziemlich exakt den Höhenmeter einer K2-Bestigung ab Meeresspiegel entsprechend. Nach einer Odysse durch unendlich steile und in der Regel gerade mal Panda +20cm breiten Gassen parke ich auf dem einzigen offenen Platz seit drei Stunden und ziehe meinen Kitebag Richtung gebuchtes Hostel. Der Weg geht mal kurz geradeaus, was mich nach 7.325 Kurven binnen 24h etwas überfordert. Ich ziehe nach links auf die Straße, das entgegenkommende Auto in den Gegenverkehr. Sardischer Volkssport, daher passiert nix.

Einem ordentlichen Winterschlaf entsprechend ist das Hostel geschlossen. Keiner der Nachbarn ist zuhause, niemand kennt den Eigentümer, und ans Telefon geht er auch nicht. Neun Stunden fahrt sind lustig, danach noch eine weitere Stunde ohne Internet eine neue Unterkunft in einem Irrgarten aus bis zu 30° geneigten Einbahnstraßen zu suchen etwas weniger. Zuletzt erreiche ich doch noch den Eigentümer nach 10 € Mega-Roaming. Ich habe ein komplettes Hostel mit 650 m² in einem mittelalterlichen Haus komplett für mich alleine.

Meine panischen Tränen der Einsamkeit interpretiert Chefe anscheinend als Freudentränen ob der einmaligen Möglichkeit, nackig durch den hauseigenen Kinosaal zu tanzen und dann irgendwelche Schweinereien vor dem drei Meter breiten Kamin zu begehen. Ich begnüge mich mit einer eiskalten Dusche, suche ewig eine offene Pizzeria und schleiche mich letzendlich mit einer Flasche sardischem Canonau-Wein ins Bett. Der Wein schmeckt gut und knallt wie erwartet. Das rückwärts Ausparken ums Eck aus 30° +20cm wird sicher das erste Highlight des morgigen Tages.

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