Emmentaler auf Sardisch

0404
2016
Mo
20:13
Tag
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Der Fahrstil eines Volkes verrät viel über seine Seele. Das gilt besonders für Philippinos in Manila, Dominikaner Samstag nachts und Vietnamesen auf dem Weg zu Beerdigungen. Und für Sarden generell immer. Die wildesten Gebirgsstrassen sind relativ dezent reglementiert. Doch sobald sie breit, sicher und gut ausgebaut ist: bremst dich der Staat auf die Hälfte dessen aus, was in Deutschland normal wäre. 50 km Tempo 50 ist die Peitsche für die Sarden!

Ihr Rasen scheint der letzte Aufschrei gegen die Fremdherrschaft zu sein. Fährst du auf Sardinien legal, sollte alle deine Aufmerksamkeit dem Rückspiegel gelten. 25% über der Höchstgeschwindigkeit ist das absolute Minimum, um nicht permanent gescheucht zu werden. 50% drüber ist der auch für Rentner gültige Standard. Rasen definiert der Sarde mit wenigstens 75% über dem Limit.

Wir Deutschen geniessen auf Sardinien wie weltweit zwar immernoch einen exzellenten Ruf als Raser – aber ich hinke diesem jetzt schon seit 1.100 km vier Tage keuchend hinterher. Die Strafen sind hoch und die Kontrollen im 50-km-Abstand sehr häufig. In Sardinien bekommt man keine Punkte, sondern man bekommt Punkte abgezogen. Vielleicht Rasen die Sarden einfach schon mal für die nächste Urlaubsfahrt nach Deutschland vor – dann gleichen sich die Punkte wieder aus.

Die Klippen von Arbatax leuchten rot in der aufgehenden Sonne. Das Bergland der Barbagia und Supramonte liegt hinter mir, die Ostküste bis Cagliari vor mir. Über die schöne Südost-Küste Sardiniens spült mich der plötzlich aufkommende rasende Sardenschwarm durch endlose trostlose Vorstädte und vorbei an den schwarzen Strassenverkäufern vor jeder Ampel nach Cagliari hinein. Südlich Cagliari steht etwas Wind am gut kitebaren Strand von La Maddalena an. Bei 12 Knoten kommt mir aber zwischen Raffinerie, Salinen, Windrädern und Ölhafen einfach nicht genug Romantik auf. Ich toure den ganzen Nachmittag durch die Kulturhauptstadt Europas 2019. Sehr gute Wahl, es gibt viel zu sehen.

Am nächsten Morgen ist mein erstes Ziel die römische Ausgrabungsstätte Nora. Ich bin nicht nur im Jahr zu früh, sondern auch in der Uhrzeit. Zwei Stunden warten ist zu viel. So gut der Cappucino auch sein mag: mehr als drei geht nicht. Über die einsame Südküste geht es weiter in die Grotta di Zuddas bei Santadi. Das Sinter-Wasser fliesst hier so langsam, dass die Argonit-Kristalle hier in alleine aufgrund der Kapillarwirkung in alle Richtungen wachsen – weltweit in dieser Dichte einmalig.

Die Insel Santo Antioco im Südwesten ist über einen Salinen-Damm mit Sardinien verbunden. Ich umrunde sie im aufkommenden Wind am Rand ihrer steilen Klippen auf der Suche nach einem kitebaren Spot. Im Lee gibt es Sand, im Süden 20m Sprungstart. Flamingos äsen in den seichten Salinen auf dem Rückweg. Kitebarer Flachwasserspot im Südenwesten Sardiniens wäre noch Porto Botte, es gibt sogar eine kleine Kiteschule.

Seit mehr als 3.000 Jahren hat jede Hochkultur die Berge in und um Iglesias auf der Suche nach Metallen in einen Emmentaler Käse verwandelt. Die Berge bestehen heute aus mehr Luft als Stein. Das fand die UNESCO so toll, dass sie Iglesias zum Weltkulturerbe erklärte. Leider kümmert sich Iglesias einen feuchten um die Mienen, deren letzte große Blüte schon gute 100 Jahre zurückliegt. Die Berghänge voller verfallender riesiger Gebäude Komplexe der Mienen sind beeindruckend, aber man kommt kaum irgendwo nahe ran – geschweige denn rein. Ich scheitere an vielen Zäunen vor sechs verschiedenen Mienen. Auch das einzige Schaubergwerk, die Grotta di S. Barbara hat geschlossen. Klar hab ich das Schild gelesen. Aber ich sprech ja kein Italienisch, was mir der anrasende Wächter auch abkauft…

Meine Unterkunft hat mal wieder keine navifähige Adresse. Ich bekomme Lotsenservice ab Zenturm. Nach drei Abzweigungen über Feldwege an den Haldenhängen einer großen alten Miene am Stadtrand ist klar, warum. Das Beste Panorama kennt weder Straßen noch Hausnummern. Der sexuell fehlgeprägte Pfau im Garten knattert vor den Haushennen wie ein Depp mit seinem Feder-Rad. Reisen bleibt lustig.

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Ein Kommentar

  • Carin schreibt am Mittwoch, 6.4.2016 um 10:12 Uhr:

    wundervolle Reiseberichte und Bilder. Danke

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