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And I could walk 5000 years!

Der Sardische Wind zeigte vorgestern erstmals Zähne an der Westküste im UNESCO Weltkulturerbe der Jahrtausende alten Minen von Sulcis Iglesiente. Voll offshore bläst er mit 15 bis 30 Knoten bockend westlich Iglesias über die alten Silberberge und steilen Klippen mit bis zum Wasser reichenden Mienenruinen auf’s Meer hinaus. Mein Frühstücksbaguette fliegt baden.

Die Küstenstrasse nach Norden führt über atemberaubende Achterbahnen in steilen Hängen durch alte Bergarbeiterstädte wie Nébida. Die Stichstraßen in die Mienen über Buggeru sind vollkommen ungesichert und bieten daher weite Ausblicke. Auf der Autobahn bremsen die Sarden wirklich jeden Furzhuppel mit 30km/h aus – aber wenn du einen Jeep und Scheuklappen brauchst, um einen Berg raufzukommen, steht unten garantiert nichts.

Über enge Serpentinen geht es weiter zur Punischen / Römischen Tempel-Ruine von Antes. Im Kalksteinbruch bergauf sieht man noch die Spuren der Römischen Arbeiter. Ein 2.000 Jahre alter Wanderweg führt zur Grotta su Mannau. Vom Tempel aus führt eine unbefestigte Bergstrasse durch eine tiefe Schlucht 15 km weit ins Hochland zur alten Mienenstadt Arenas. Absolute Einsamkeit und klare Luft – trotzdem ist wieder alles abgeriegelt. Auch meine letzte Miene auf dem Weg aus dem Silberland heraus nach Norden protzt mit Zäunen und Schildern: eine Million Euro hat die EU auch bei dieser Miene gezahlt, nur um sie abzusperren. Ich gebe auf.

Mein nächster Stop in Samugheo im Hinterland Oristanos an der Westküste. Dunkle Buschreihen malen Labyrinthe auf die sanft geschwungenen Hügel. Weisse Geisterschafe grasen zwischen gelb blühenden PacMan-Büschen. Windräder weisen den Weg Richtung Meer. In Marina Torre Grande bläst der Ostwind schön sideshore am breiten Strand in meinen von Sansibar offensichtlich sauber vertrimmten 13er. Ich bin der einzige Kiter, aber die jungfräulichen Sardischen Starthelfer machen Ihre Sache gut – und motzen nach meiner ersten Session sauber über die „Mach alles dicht!“-Strategie ihrer Heimatstadt Iglesias. Im Sonnenuntergang heize ich wieder die Hügel hinauf ins Hinterland. Ich orderer Wein. Ohne zu fragen stellt mir der Wirt einen halben Liter neben das Menü hin.

Jede Hochkultur hatte mal was zu sagen auf Sardinien, und jede recycelte die Erzeugnise der vorherigen. Das Nuraghische Brunnenheiligtum von Santa Cristina ist heute der erste Recyclinghof der Geschichte. Ein Kraggewölbe in Sandstein aus der Zeit von 1.500 bis 1.200 v. Chr. führt über 25 Stufen zu einer alten Quelle hinab. Die Römer fanden eigentlich nur heisses Wasser lässig, daher eröffneten erst die leidbegeisterten Christen den Recyclinghof. Heute werden zweimal im Jahr mehrtägige Feste zu Ehren der lokalen Heiligen abgehalten, zu denen die Pilger in den Jahrhunderte alten Mönchshütten wohnen. Für Taufen im Nuraghischen Brunnen haben sie dann aber vermutlich doch nicht genug Sinn für Humor.

Recycling ist ein probates Mittel um Angst zu überwinden. Wir recyceln einfach unseren angsteinflössend großen Haufen Plastikmüll, denn mit grünem Punkt wird er ja nicht verbrannt, oder? Die Sarden nennen Ihre bis zu 5.500 Jahre alten Felsengräber „Domus de Janas“: Hexenhäuser. In den alten Felsengräbern von Sant’Andrea Priu schlugen zuerst die Steinzeitmenschen Opfermulden in die Felsen der bis zu 250m² großen Grabhöhlen. Die Römer fanden Oldschool cool, bemalten die Wände mit Fresken und würzten das Ensemble mit frischen Leichen. Später gaben dann auch die Christen ihre Senf in Form weiterer Malereien, noch mehr Leichen und einem architektonisch fragwürdigen Lichtschacht dazu. Die Grabwächterin langweilt sich im Besuchermangel der Vorsaison. Sie gibt mit eine Gratistour in die sonst verschlossenen Gräber – und bittet mich danach, meinen Zigarettenstummel nicht in der Plastikmüll-Tonne zu entsorgen.

In der alten Genueser Adlerhorst-Burgruine von Monteleone Rocca-Doria beweist mein kleiner Panda seine Trinkerqualitäten. Dank bis zu 7,5l Super / 100 km und oft spärlich gesäten Tankomaten rolle ich auf den letzten Tropfen in der alten Küstenstadt Alghero ein. Algehero war zuerst ein Piratenhafen. Doria aus Genua macht im 12. Jhd. die Piraten platt, Aragon aus Katalonien vertreibt Doria im 14. Jhd. nach Monteleone und verstärkt die mächtigen Festungsanlagen. Die ganze Stadt erhält ein katalonisches Makeup.

Am Capo Caccia fallen die weissen Klippen 300m senkrecht ins Meer ab. Mit einem tschechischen Tramper-Pärchen steige ich auf die höchste – und dann nochmal die Hälfte von 634 in die senkrechte Felswand geschlagene Stufen hinab Richtung Grotta di Neptuno. Der Wirt am oberen Ende ist ein Meister der Marktwirtschaft. Wenn jemand die Treppe bezwang, dann schafft er auch noch die 20 Stufen zu seiner Terrasse. Und dann zahlt er garantiert jeden Preis für eine Büchse Cola. Er hat recht, und die Festungsmauern der Altstadt von Alghero glühen auf der anderen Seite der Bucht im Sonnenuntergang.

Am letzten Tag der Sardischen KulturKeule™ liegen einige Romanische Kathedralen im Pisanischen Stil aus dem 12. Jahrhundert auf dem Weg. Schwarzer Basalt und weisser Sandstein malen die Religion der Streifenhörnchen in grüne Blumenwiesen. Die letzte Nuraghische Festung von Santu Antine ist mit 14 m die höchste noch stehende auf ganz Sardinien. Ihre gewaltigen Blöcke und die Nähe zur Hauptverkehrsader SS131 bringen einen Spitzenpreis beim Eintritt, so die beschämt lächelnde Wächterin. An der Burg von Castelsardo vorbei fliege ich an die Nordküste nach Porto Pollo zu Besuch der Brasilianisch-Bayerischen Kiter-Freundin Signora Estefania de Galinhos.

Der Fahrtwind bläst 5.000 Jahre Kultur Richtung Kleinhirn. Ich bin erschlagen von Geschichte. Sardinien hat von allem etwas zu bieten, mit einem kleinen Loch zwischen 500 und 1.000 n. Chr. Mit mehr Zeit hätte ich aber sicher auch aus diesem weltweit recht düsteren Zeitalter hier noch wunderbar verfallende Zeugnisse gefunden. Ich habe viel erwartet – und das meiste wurde weit übertroffen.

Nach gut sechs Tagen gebe ich das Auto am 40 Kilometer entfernten Flughafen von Olbia ab. Wieder mal schaut ein Vermieter ungläubig vom Tacho zu mir. Ich grinse. Doch, das sind schon 2.000 Kilometer! Hey, wer sagt hier Sardinien wäre kein Kontinent? Einen Bus nach Porto Pollo gibt es nur zwei mal am Tag. Das Taxi will 90 € – aber kann erst in zwei Stunden kommen. Die nahe Costa Smeralda mit ihren zahlreichen Millionären scheint üble Auswirkungen auf meine neue Mobilität zu haben.

Ich laufe vom Flughafen ins Zentrum von Olbia und hebe den Daumen, wo es passt. Keiner hält an. Ich laufe in den Hafen. Keiner hält an. Ich laufe weiter nach Norden. Keiner hält an. Nach 391 vorbeigefahrenen Autos und 8 km laufen denke ich mir gerade: „Vielleicht heisst ‚Olbia‘ ja ‚Leck mich!‘ auf Sardisch“ – da hält endlich ein Matrose in seinem Van an. Würdiger Abschluss eines heftigen Roadtrips. Endlich Heim. Essen, Wein, schreiben. Glücklich und tot ins Bett fallen.



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